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Angedacht am 1. Sonntag nach Ostern, 24.04.2022

Angedacht am 1. Sonntag nach Ostern, 24.04.2022

[Cartoon: Tiki Küstenmacher]

Mit ihm seid ihr begraben worden durch die Taufe; mit ihm seid ihr auch auferstanden durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten. (Kolosser 2,12)

Heute ist der 1. Sonntag nach Ostern – Quasimodogeniti. Der „Weiße Sonntag“, so sagt man vielerorts, und da ist der Hinweis angebracht, dass dieser Name nicht unmittelbar zumindest von den weißen Kleidern der katholischen Mädchen bei der Erstkommunion herrührt, sondern etwas zu tun hat mit der Taufe.

Und die Taufe gehört immer schon zu Ostern. In den ersten Jahrhunderten der Kirche war Ostern – mit Ausnahmen –  sogar überhaupt der einzige Tauftermin im Jahr. Auf diesen Termin hin wurden die erwachsenen Taufbewerberinnen und -bewerber lange vorbereitet. An Ostern war es dann so weit: Sie stiegen hinunter in das Taufbecken – damals noch ein richtiges Becken, empfingen die Taufe und nach der Taufe ein weißes Gewand, das Taufkleid. Das nicht, weil es so schön ist und so feierlich, sondern um deutlich zu machen: Hier beginnt nun etwas Neues. Der Getaufte ist nicht mehr derselbe wie vor der Taufe. Er ist aus dem Taufbecken als ein neuer Mensch heraufgestiegen, in diesem Sinne neugeboren. Das alte Leben ist abgetan, abgelegt wie ein altes Stück Textil – und nun kommt das neue Leben, dafür steht das weiße Gewand. Das Alte – untergegangen im Wasser, hervorgekommen etwas Neues.

Die neu Getauften trugen dieses Kleid (vermutlich eine Art Überwurf) bei den Gottesdiensten der nächsten Tage, so wie es vielerorts damals noch tägliche Gottesdienste gab – sie trugen es auf alle Fälle aber am nächsten Sonntag, an dem sie sich noch einmal als diese „neuen Menschen“ den Anderen vorstellten.

Von daher hat der „Weiße Sonntag“ wohl auch seinen merkwürdig klingenden lateinischen Namen bekommen: Quasimodogeniti – was nichts zu tun hat mit dem Glöckner von Notre-Dame, sondern eben, ganz wörtlich übersetzt, meint: „Wie die neugeborenen Kinder.“

Schön und gut, mag man vielleicht denken. So ein Taufkleid ist gewiss ein starkes Symbol. Ein beeindruckender Brauch an, der sich ja auch noch lange in den Taufkleidern der Kinder gehalten hat.

Aber damit einer neu geboren werden kann, muss er zuvor sterben. Das hören wir, wenn wir ehrlich sind, nicht so gern. Gewiss, wir kennen und verwenden schon einmal die Redeweise vom „sich wie neugeboren fühlen“, aber da ist es ja auch nur, wenn man genau hinschaut ein Vergleich – wie neugeboren fühlen – wir denken dabei an Erholung, Rückkehr der Kräfte, an Gesundung nach Krankheit, an eine Form der Lebenssteigerung, wie auch immer – aber dass wirkliches Neugeborenwerden den Tod, das Zuendegehen von etwas Altem voraussetzt, das so in seiner ganzen Radikalität zu sehen, dagegen sperrt sich schnell etwas in uns; zumal im Zusammenhang unserer verbreiteten Taufpraxis… wo wir häufig doch die tatsächlich eben erst Neugeborenen taufen…

Und doch mag es sich lohnen, den Gedanken des Schreibers des Briefes an die Kolosser, eines Paulusschülers hier nachzugehen; weil damit eine Bedeutungsdimension der Taufe aufscheint, welche wir sonst häufig gar nicht so im Blick haben.

Mit ihm seid ihr begraben worden durch die Taufe; mit ihm seid ihr auch auferstanden durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten. (Kolosser 2,12)

Taufe – so lässt sich im Anschluss an diese Worte sagen: wohl nicht etwas, was sozusagen noch dazu käme; das ist auch nicht ein Akt, der irgendetwas bloß besser machen würde, auch nicht nur ein Reinigungsvorgang, – und als wäre das nicht schon schwierig genug vorzustellen – das ist dem Schreiber hier wohl alles noch nicht radikal genug gedacht – und deshalb holt er so ganz weit aus, er will betonen: in der Taufe geht, sich versinnbildlichend im Eintauchen, tatsächlich etwas zu Ende, während das Auftauchen dafür steht, dass da tatsächlich etwas Neues anfängt. In der Taufe, da: Ende und Neubeginn, das große Loslassen des alten Lebens und der Empfang einer neuen Seinsweise, das als die dramatische, existenzwendende Zäsur… so haben es Menschen immer schon erlebt, zumal solche, die sich als Erwachsene taufen ließen…

Und wir heute? Es ist das Wasser, das bei der Taufe eine große Rolle spielt, das helfen kann zu verstehen, worauf der Verfasser des Kolosserbriefes hinaus will: Wasser, das wissen wir im Grunde alle, hat immer diese zwei Seiten, Wasser als Symbol ist zutiefst ambivalent: Einerseits braucht es Wasser zum Leben. Andererseits kann Wasser aber auch eine höchst zerstörerische Kraft haben.

Wasser ist Tod… man kann im Wasser untergehen, es kann ungeheuer zerstörerisch wirken – wir haben wohl alle noch die Bilder der verheerenden Flutkatastrophe im letzten Sommer hier auch ganz in unserer Nähe vor Augen…. Aber wie gesagt, auch um das andere wissen wir: Wasser ist Leben: Wasser erst ermöglicht das Leben auf der Erde…  Und das Wasser, was an der einen Stelle zuviel ist, würde an anderer Stelle dringend gebraucht… Die  drohende Klimakatastrophe, der zunehmend immer erbitterter geführt werdende Konflikt ums Wasser auf unserem Planeten… so viel kann einem da in den Ohren klingeln.

Wasser ist Tod… Wasser ist Leben. Beides. Es ist, man könnte vielleicht sagen, diese doppelte Bedeutung des Wassers, die sich, so der Verfasser des Kolosserbriefes, gerade auch in der Taufe mit Wasser spiegelt.

Da nämlich, so die Vorstellung, stirbt das Böse in der Taufe… all das, was das Leben bedroht, die kleinen und großen Monster, all das, was dem Leben feind ist, das wird da ersäuft, der alte Adam, all diese kleinen und großen Monster, die Angst machen, unser Vertrauen untergraben, uns auf die falsche Spur führen und falsch abbiegen lassen, all das wird „ersäuft“, eine Vorstellung, die ja auch Martin Luther – bekannt für seine in unseren Ohren drastische Sprache – immer wieder gerne bemühte. All das hat keine Macht mehr, mit all dem, was den Menschen ängstigt, bloß vor sich her und in die Irre treibt, was ihn von seiner Bestimmung wegbringt, was ihn, klassisch gesprochen, sündigen lässt, das hat im Letzten keine Macht mehr… damit ist es aus und vorbei… tot. Und wie dringend es sozusagen den Tod des Todes in welcher Gestalt, das Sterben des Bösen braucht, wie dringend da ein Stopp! – dazu haben wir in diesen Tagen ja wahrlich genug Anschauung.

Das ist das eine: die Monster sterben, der Tod selbst, mit dem ganzen Schrecken, den er mit sich führt und der sich um ihn herum rankt, er stirbt. Der Tod inklusive seines treuesten Gesellen, der Sünde, hat keine letzte Macht mehr – damit ist es im Grundsatz aus und vorbei. Das dürfen, das sollen wir glauben. Auf dass das neue Leben beginnt…. mit Freiheit, Lebensfreude, da heißt es: geradezu österlich singen und springen, so wie es der kleine Fisch in der Bilderfolge oben tut….

Ostern, das Fest des Sieges des Lebens über den Tod. Da Jesus selbst den Tod auf sich nahm, so können wir rückblickend sagen, hat er ihn eben im Letzten entmachtet, genau das gemacht, womit dieser nicht rechnen konnte, und mit ihm all das zu Ende gebracht, das Böse, Bedrohliche, all das, was verkehrt macht, und dem Leben nur feind ist, …. so wie er mit seiner Auferstehung zugleich für uns alle neues Leben beginnen lässt…

Somit hängen Ostern und Taufe in der Tat ganz eng zusammen, und ist es kein Zufall, dass Ostern in der kirchlichen Tradition bevorzugter oder zunächst sogar alleiniger Tauftermin war – worauf der Name des heutigen Sonntags anspielt; den Zusammenhang hier bringt, wie ich finde pointiert, auch die Bilderfolge von Tiki Küstenmacher hier zum Ausdruck: Wasser ist Tod…und Leben … Das Böse  stirbt in der Taufe…und aus ihr kommt das neue Leben.

Ja, als Menschen, die so Gott anvertraut sind oder sich Gott anvertrauen, sind wir wahrlich österliche Menschen… Menschen, die glauben dass Gott das Vergangene wirklich vergangen sein lässt – und neu mit uns angefangen hat; dass er das, was sich dem Leben entgegenstellt, in welcher Form auch immer,

im Letzten schon überwältigt hat, und nun wir als Befreite leben dürfen… als wahrlich österliche Menschen, als Protestleute gegen den Tod, wie immer er sich gibt…, als Menschen, die aufstehen für das Leben!

Einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche wünscht Ihnen Ihr Pfarrer Matthias Bertenrath