Angedacht am 12.09.2021, mit Prädikant Norbert Sinofzik

Darum sage ich euch: Sorget nicht für euer Leben, was ihr essen und trinken werdet, auch
nicht für euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr denn Speise? und
der Leib mehr denn die Kleidung? 26 Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht,
sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater nährt sie
doch. Seid ihr denn nicht viel mehr denn sie? 27 Wer ist aber unter euch, der seiner Länge
eine Elle zusetzen möge, ob er gleich darum sorget? 28 Und warum sorget ihr für die
Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Felde, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen
sie nicht. 29 Ich sage euch, daß auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht bekleidet
gewesen ist wie derselben eins. So denn Gott das Gras auf dem Felde also kleidet, das doch
heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: sollte er das nicht viel mehr euch tun, o
ihr Kleingläubigen? 31 Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen, was
werden wir trinken, womit werden wir uns kleiden? 32 Nach solchem allem trachten die
Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, daß ihr des alles bedürfet. 33 Trachtet am
ersten nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches alles
zufallen. 34 Darum sorgt nicht für den andern Morgen; denn der morgende Tag wird für das
Seine sorgen. Es ist genug, daß ein jeglicher Tag seine eigene Plage habe.


Liebe Gemeinde,
vielleicht haben Sie beim Verlesen des Textes innerlich mit dem Kopf geschüttelt. Vielleicht
haben Sie sich auch gefragt, ob man Jesus in dieser Frage ernst nehmen darf. Vielleicht
haben Sie auch innerlich Zorn empfunden und hätten gerne, geböte es Ihnen nicht der
Anstand, die Kirche verlassen. Vielleicht haben Sie auch im Stillen gedacht: es wär‘ zu
schön, um wahr zu sein! Vielleicht haben Sie sich aber auch gefreut: an den Bildern der
Natur und daran, daß einer mal den Mut bewiesen hat, dieses Problem menschlichen
Lebens anzusprechen. Vielleicht haben Sie auch schon ohne den Versuch predigender
Erläuterung verstanden und uneingeschränkt zuge-stimmt. Alle diese „Vielleicht“ machen
deutlich: wir werden an einem bedeutenden Teilstück unseres menschlichen Lebens berührt der Sorge. Sie ist eine allen Menschen betreffende Erscheinung, die wir nicht unterschätzt
wissen möchten. So werden denn auch die Zweifler an diesem Jesuswort bei einer
möglichen Umfrage die Mehrheit der Menschen auf ihrer Habenseite verbuchen können.
Denn man wird sich ehrlich eingestehen müssen: dieser Text wirkt auf dem ersten Blick
provokativ. Angesichts der Probleme in unserem Land, Erdteil und in unserer Welt ist dieses
Jesus-Wort unbegreiflich. Ja, man kann meinen, es rufe zu Lebensuntüchtigkeit auf. Hat
dieser Jesus eigentlich die Probleme eines in der Weltwirtschaft verwobenen Industrielandes
überschauen können? Konnte er sich in einem Priester- und Bauernland in die Probleme
einer Weltwirtschaftskonkurrenz hineinversetzen. Waren ihm, als er diese Freiheit von der
Sorge ausrief, die vielfältigen Folgen eines Abschwungs für ein Land und seine Wirtschaft
und seine Bevölkerung bewußt? Da bedrücken die Menschen pandemiebedingte Kurzarbeit
und Arbeitslosigkeit, Personalabbau, Rationalisierungen und Preissteigerungen, die
Pandemie selbst und Klimawandel. Da spart der Staat an allen Ecken und Enden, und dies
geschieht nicht selten auf Kosten derer, die eh schon jeden Pfennig umdrehen müssen.
Aber verlassen wir einmal die Ängste vor den wirtschaftlichen Problemen mit ihren Folgen,
die nicht zuletzt von unseren Politikern immer wieder verzehrt dargestellt werden und somit
die Sorgen und Ängste der Menschen nur unnötig vermehren. Sorgen bereiten uns ebenso
die kriegerischen Auseinandersetzungen in der Welt (aktuelle Bezüge herstellen). Zu dieser
Auswahl gemeinsamer Ängste kommt dann auch noch die Vielzahl persönlicher Sorgen und
Nöten. Schulabgängerinnen und Schulabgänger warten mit Sorge auf ein Studien- oder
Ausbildungsplatz. Schüler sorgen sich um ihre Zeugnisse, denn von ihnen kann die Zukunft
abhängen. Eltern sorgen sich um die Zukunft ihres arbeitslosen Kindes. Manager und
Unternehmer sorgen sich um ihre Profite. Parteistrategen sorgen sich um anstehende
Wahlen und deren Ergebnisse. Und die Menschen und Mitarbeiter in der Kirche haben auch
Sorgen. Seit Jahren bereiten uns die zahlreichen Kirchenaustritte gedankliche und finanzielle
Sorgen. Man sorgt sich in der Kirche um den nötigen Einfluss in Staat und Gesellschaft. Und
nicht zuletzt sorgt man sich um die rechte Verkündigung. Man könnte in Anlehnung eines
berühmten Satzes von Margot Käßmann sagen: Nicht viel ist gut auf der Welt! Und wenn ich
an dieser Stelle mit dem Aufzählen von Sorgen aufhöre, so sind damit noch lange, lange
nicht alle Sorgen menschlichen Lebens erfasst. Doch diese kleine Auswahl mag
verdeutlichen, welchen Stellenwert die Sorge in unserem Leben hat. Und manchmal hat es
sogar den Anschein, als könnten wir Menschen ohne Sorgen, oder Menschen, die sich
zumindestens weniger Sorgen machen, überhaupt nicht verstehen. Ja, wir können zornig auf
sie werden! Wie geringschätzig betrachten wir Menschen, die versucht haben, die Sorgen
aus weiten Bereichen ihres Lebens zu verbannen. Wir schimpfen sie verantwortungslos,
lieblos, Schmarotzer, Nichtsnutze. Ja, so sehr wir oft auch über unsere Sorgen klagen, so
wenig können wir uns ein Leben ohne sie vorstellen. Und auf manche Zeitgenosseninnen wird sicher das Sprichwort zutreffen: „Wer keine Sorgen hat, der bereitet sich eben welche.“ In diese Welt nun predigt Jesus sein Wort von der Freiheit vom Sorgen. Und das zu einer Zeit, in der wir schon keine sorglosen Kinder mehr kennen. Können wir also diesen Text beiseitelegen?! Müssen wir ihn nicht als zu Lebensuntüchtigkeit verführenden Text aus dem Neuen Testament streichen, denn er könnte unübersehbare Folgen für unsere Gesellschaft haben?! Doch urteilen wir bitte nicht vorschnell! Jesus hat nämlich etwas erkannt, was uns schon lange aus dem Blick verloren gegangen ist. Jesus geht es nicht zuerst um den materiellen oder strukturellen Erfolg im Leben, sondern um die Erfüllung des Lebens. Und wer sich mit Jesus schon näher beschäftigt hat weiß auch, daß er kein Illusionär war, sondern die Realitäten kannte. Er wußte genau um die Schwierigkeiten des Lebens, aber er wußte auch, daß wir uns von diesen Schwierigkeiten, diesen Realitäten, wie wir sie zu nennen pflegen, so schnell gefangen nehmen lassen. Und deshalb warnte und warnt er uns vor falscher und übertriebener Sorge um das Leben. Jesus weiß, daß wir alle an unserem Platz stehen und unsere Arbeit zu vollbringen haben. Er weiß auch, daß wir dort eine Verpflichtung und eine Verantwortung tragen, von der wir uns nicht einfach lösen können und nach seinem Willen auch nicht dürfen. Das Gleichnis vom untreuen Haushalter macht uns darauf aufmerksam. Aber verstehen wir diese Verantwortung und Verpflichtung noch recht? Oder anders gefragt: Was hat diese Verpflichtung und Verantwortung noch mit Jesu und Gottes Ziel in unserem Leben zu tun? Wird diese Verantwortung und Verpflichtung noch dem göttlichen Heilsgedanken gerecht? Haben wir die rechte Entscheidung getroffen? Dient dies alles noch der Erlangung des Reiches Gottes und seiner Gerechtigkeit? Ich würde sagen: Nein! Dies alles dient unserer ureigenen und egozentrischen Sicherung, die, wenn wir sie erreicht zu haben glauben, einem neuen Ziel der Lebenssicherung weicht. Da wird gehetzt und gejagt – auf Kosten anderer! Da wird gebaut und geplant – auf Kosten anderer! Da werden von Eltern Überstunden geleistet – auf Kosten anderer! Fragt man aber die Menschen nach dem Grunde ihres hastigen Sorgens, so erfährt man, dass es gerade um anderer Willen geschehe, zum Beispiel um der Kinder Willen. Hier kann etwas nicht stimmen! Sollte Gott uns ohne jeglichen Sinn in die Welt hineingeschaffen haben? Sollte es Gottes Willen sein, daß wir wie gehetzt einem von uns gesetzten Lebenssinn nachjagen? Ich denke nein! Und deshalb greift Jesus hier ein. Er sieht unser Strampeln und Ringen, unser Hetzen und Jagen nach dem vermeintlichen Lebenssinn. Und er hört uns auch, wenn wir spätestens im Ruhestand nach dem Sinn und Zweck der vergangenen Jahre fragen. Er sieht voraus, daß wir die Nichtigkeit und Leere unseres Lebens erkennen werden. Sie drückt sich dann zum Beispiel in einem leeren Lebensabend oder in unverstandenen Kindern aus, die dann zu weiteren Sorgen ihrer Eltern und Umwelt werden. Hier kommt Jesus und versucht uns, zur Einsicht zu verhelfen. „Schaut euch Blumen und Tiere an, für sie ist gesorgt. Sie wachsen, gedeihen und sind schön. Warum traut ihr Gott, dem ihr wesentlich mehr als all diese Pflanzen und Tiere bedeutet, nicht zu, daß er erst recht für euch sorgt. Warum riskiert ihr es nicht einmal, den Sinn des Lebens aus seiner Hand zu nehmen.“ Dann nämlich, sagt Jesus, seid ihr aus den Sorgen heraus. Der Theologe Willi Marxsen hat das einmal in einem Gottesdienst zur Entlassung von Schülern folgendermaßen ausgedrückt: „Das heißt nicht, daß wir nun nichts mehr zu leisten brauchen. Leistungen werden immer von uns verlangt. Aber dies ist nun anders geworden: Unsere Leistung braucht nicht mehr unser Leben zu tragen. Unser Leben bekommt nicht erst dadurch seinen Sinn und Wert, was wir durch harte Arbeit aus ihn machen, sondern es hat vor aller eigenen Arbeit von Gott seinen Wert und Sinn. Und dann ist die Frage eines jeden Tages nicht mehr: Wie schaffe ich es, daß ich morgen Bestätigung, Anerkennung finde? Sondern die Frage ist: Herr, was soll ich heute mit deinem mir geschenkten Leben anfangen? Dann leben wir nicht auf eine ungewisse Zukunft hin, sondern dann haben wir dieses Leben heute bei uns. Dann haben wir Zeit, Zeit für andere und auch für unsere Arbeit. Wir bekommen plötzlich einen Blick für die Menschen um uns. Wir brauchen (und benutzen) sie aber nicht für uns. Wir erfahren, daß Für-den-anderen-daSein Erfüllung ist. Unsere Arbeit wird dann nicht mehr Mittel zum Zweck, mit dessen Hilfe wir den Sinn des Lebens erreichen wollen, sondern unsere Arbeit gehört in unser Leben hinein. Wir können nun ganz treu das Kleine tun, das Unscheinbare; und wir können es ganz tun. Wir können uns da hinein verlieren, weil wir unser Leben in unsere Arbeit einbringen, aber nicht durch unsere Arbeit unser Leben erst erreichen wollen.“ Soweit Willi Marxsen. Mit solch einer Entscheidung zum Leben beginnt dann auch das Trachten nach dem Reich Gottes. Und wo wir dann die Größe dieser Aufgabe erkannt haben, wo wir von ihrer Wichtigkeit überzeugt sind, da wird es uns auch nicht mehr schwer sein, die Sorgen um die Erfolge und die profanen Dinge des Lebens als zweitrangig zu betrachten. Nun stellen wir uns aber die Frage nach dem „Wie“ des Trachtens und nach dem „Was“ des Reiches Gottes und seiner Gerechtigkeit. Bis jetzt hörte sich das alles sehr schön an und klang sehr theoretisch. Bedeutet Trachten nach dem Reiche Gottes ein Leben in Bescheidenheit und mönchischer Abgeschiedenheit? Sollen wir uns in unserem Leben nichts mehr leisten können? Und liegt das Reich mit seiner Gerechtigkeit in himmlischen Regionen? Wo wir den Schritt in Gottes Vertrauen getan haben und seinen Willen beherzigen wollen, da verschließen wir uns nicht dieser Welt. Wir sind Christen in der Welt und nicht außerhalb der Welt. Und wir verzichten dann auch nicht auf die erstrebenswerten Dinge dieser Welt. Wir legen auch nicht unsere Hände in den Schoß. Aber wir lassen diese erstrebenswerten Dinge nicht Herr über uns werden, sondern beginnen mit dem Bau am Reiche Gottes und seiner Gerechtigkeit. Das kann ganz privat beginnen. Da entschuldigen Eltern ihr Streben und Schaffen im Beruf nicht mehr mit der Bemerkung: „Ich tue dies alles nur für meine Kinder, damit sie es einmal besser haben! Sie schenken dann ihren Kindern nicht nur materielle Liebe, sondern auch Zuwendung und Auseinandersetzung. Sie vertrösten sie nicht mehr. Die tüchtigen Eltern werden dann ihre Kolleginnen und Kollegen nicht mehr nur als Mitarbeiterin und
Vollzugspersonen, sondern als Menschen sehen. Und jede/r wird beim Bau des Reiches
gebraucht, nur muss er seine egozentrischen Vorstellungen ein wenig zurückstellen.
Beruflich, politisch und privat! Der Arzt, der Lehrer, der Techniker, der Unternehmer, der
Richter, der Pfarrer, der Sozialarbeiter, der Mann von der Müllabfuhr, die Krankenschwester,
der Umweltschützer, der Beamte, die Hausfrau, die Raumpflegerin, der Industriearbeiter, die
Erzieherin, die Verkäuferin, die Architektin, einfach jede und jeder wird am Platze gebraucht.
Und niemand muß seine Fähigkeiten einschränken, sondern nur mit einer etwas anderen
Zielrichtung anwenden. Und sie? Ich habe jetzt im Grunde genommen anonym gesprochen!
Und ich? Bleiben wir anonym und werden nicht aufdringlich. Wir haben nämlich von Jesus
die Freiheit zur Entscheidung. Doch vielleicht können auch Sie sich dazu entscheiden, ein
Stück am Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit mitzuwirken. Haben Sie Mut, denn wir sind
nicht alleine gelassen. Wir sind immer wieder eingeladen in Gottesdiensten uns zu bestärken
und diesen Auftrag zu planen. Wir müssen es nur hören, annehmen, ausprobieren und
integrieren wollen.
Amen

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