Angedacht für Sonntag, den 06.09.2020

Liebe Gemeinde,
Ich hatte mein Video schon fertig, als Ende der Woche die Meldung kam, dass
nun doch der Bonus für Pflegekräfte in Krankenhäusern kommen soll. Ich habe
aufgestöhnt – jetzt kann ich wieder von vorne anfangen – so ist das eben, wen
man keine zeitlos gültigen Überlegungen anstellt, sondern sich durch aktuelle
Geschehnisse herausfordern lässt. – Ein neues Video aufzunehmen, haben wir in
der Kürze der Zeit nicht mehr geschafft. Also gibt es für diesen Sonntag meinen
„Angedacht-Impuls“ nicht als Video sondern nur als lesbaren Text. In
Grundzügen stimmt immer noch, was mir für das Video durch den Kopf ging.
Aber der Reihe nach:
Sie erinnern sich sicher noch: im März und April war es abends oft zu hören.
Menschen standen am geöffneten Fenster oder auf dem Balkon oder im Garten
oder vor der Haustüre und haben geklatscht. Sie haben symbolisch für die
Menschen geklatscht, die in Krankenhäusern oder Pflegeheimen arbeiten oder in
Supermärkten die Versorgung der Bevölkerung aufrecht hielten. Das war ein
schönes Zeichen der Anerkennung für diese Menschen, die in dieser
Krisensituation verlässlich Dienst für unsere Gesellschaft getan haben.
Auf diesem Hintergrund hat ja dann auch der Bundestag beschlossen, für
Beschäftigte im Pflegebereich eine Corona-Prämie zu zahlen – je nach Art und
Umfang der Beschäftigung bis zu 1500 €. Der Bund wollte davon 2/3 tragen –
also 1000 € – die Arbeitgeber in der Pflegebranche sollten den Betrag bis auf
max 1500 € aufstocken.
Und dann wurde bald klar, dass dieser Bonuszahlungen zwar generell für
Pflegekräfte in Altenheimen und in der ambulanten Pflege gezahlt werden, nicht
aber für das Krankenhauspersonal gelten. Bundesgesundheitsminister Jens
Spahn stellte klar, dass im Blick auf dieses Pflegepersonal die jeweiligen
Arbeitgeber Boni vereinbaren können. Mit anderen Worten: Die Krankenhäuser,
die ihren Pflegern und Krankenschwestern Boni zahlen, tun das auf freiwilliger
Basis und der Bund beteiligt sich nicht an der Finanzierung. – Es gibt einzelne
Krankenhausträger, die Boni zahlen, aber flächendeckend findet das nicht statt.
Insgesamt machte sich unter den Pflegekräften Ernüchterung breit. Geklatscht
wird schon lange nicht mehr. Und ich kenne Pflegekräfte, die die ganze

Entwicklung bitter so kommentieren: „Es hat sich ausgeklatscht, wie nicht
anders zu erwarten war.“
Und nun kommt auch noch Folgendes hinzu. Vor Kurzem hat ein Bekannter mir
das erzählt, dessen Frau als Krankenschwester arbeitet: Es wird nicht nur nicht
der Coronabonus gezahlt – es wird ihr auch noch etwas weggenommen –
nämlich das Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Meine Recherchen im Internet
verweisen klar auf diese Tendenz, diese Sonderzahlungen zu reduzieren oder gar
zu streichen – und zwar nicht nur im Pflegebereich, sondern überhaupt in der
Wirtschaft. In wie weit diese Streichung in Krankenhäusern flächendeckend für
das Personal erfolgt, kann ich im Moment nicht sagen. Aber in dem mir
erzählten belegten Fall wirkt das natürlich besonders grotesk. Und ich kann
komplett nachvollziehen, dass es Krankenschwestern und Pfleger zornig macht
und frustriert. Aus der versprochenen finanziellen Anerkennung der eigenen
Leistung ist nichts geworden und nun werden statt dessen sogar noch andere
Sonderzahlungen gestrichen. – Man muss schon unanständig gutmütig sein, um
nicht den Gedanken zu haben: Tja, da zeigt sich, was unserer Gesellschaft die
Menschen wert sind, die als Pflegekräfte in unseren Krankenhäusern arbeiten. –
Und zwar in einer Zeit, in der einerseits händeringend nach Pflegekräften
gesucht wird und andererseits zugleich durch Personalabbau im Pflegebereich
die Arbeitsbedingungen seit Jahren immer schlechter werden und diejenigen, die
als Krankenschwestern und Pfleger arbeiten, immer mehr belastet werden.
Und ich habe mich gefragt: Wieso ist es eigentlich möglich, dass sich Bund und
Länder innerhalb kürzester Zeit im März / April darauf verständigt haben, 1,2
Billionen Euro zur Abfederung der wirtschaftlichen Folgen der Corona-
Pandemie zusätzlich bereit zu stellen, aber sich nicht darauf verständigen
können, auch den Pflegekräften in Krankenhäusern den Bonus von 1000 € pro
Person zukommen zu lassen? 1,2 Billionen Euro sind 1200 Milliarden Euro. Das
ist das größte Rettungspaket, das in unserem Land je aufgelegt wurde. Aber die
etwa 1,1 Millionen Beschäftigten im Krankenpflegebereich sollten den Bonus
nicht bekommen. – Da frage ich mich: Was ist in unserer Gesellschaft was wert?
Das ist meiner Meinung nach die Frage, auf die man zwangsläufig stößt.
Offensichtlich waren die Beschäftigten in der Krankenpflege es nicht wert,
berücksichtigt zu werden. Und man muss ich vor Augen halten, dass es hier um
eine Einmalzahlung in einer wahrlich nicht exorbitanten Höhe geht. Das ist eine
politische Entscheidung, die ich für falsch halte. Als fragwürdige Begründung
für die unterschiedliche Behandlung von Altenpflegern und Krankenpflegern
wurde angeführt, dass die Pfleger und Pflegerinnen in der Altenpflege

tendenziell schlechter bezahlt werden. – Das ist natürlich auch fragwürdig und
da muss sich etwas ändern. Aber hier geht es einfach um die zeichenhafte
Anerkennung für das was Pflegekräfte insgesamt in der Corona-Pandemie für
diese Gesellschaft leisten.
Ich merke wie ich die Tendenz habe, sarkastisch zu reagieren. Einerseits wird
den Krankenpflegekräften diese zeichenhafte finanzielle Anerkennung, die
versprochen war, vorenthalten, andererseits ist es selbstverständlich, dass
diejenigen, die darauf angewiesen sind, in einem Krankenhaus behandelt zu
werden, in dieser Krisensituation erwarten, bestmöglich und einfühlsam gepflegt
zu werden.
Die Frage, was etwas wert ist, hat mit Wertschätzung zu tun. Untersuchungen
zeigen, dass es das ist, was sich die meisten Mitarbeitenden von ihren
Vorgesetzten wünschen: ausdrückliche Anerkennung und Wertschätzung ihrer
Leistung. Das gilt ja insgesamt für unseren Umgang miteinander – nichts ist so
motivierend, wie echte Wertschätzung zu bekommen und nichts ist so
demotivierend wie Wertschätzung vorenthalten zu bekommen. Ich habe
manchmal das Gefühl, dass bei uns die Kultur der Wertschätzung
unterentwickelt ist. Herabsetzende Äußerungen sind dagegen schnell gemacht,
aber mit Wertschätzung wird gegeizt. – Ich habe noch gut in Erinnerung wie
Gerhard Schröder, der ehemalige Bundeskanzler, in einem Interview Lehrer
pauschal als „faule Säcke“ bezeichnet hat. – Oder ich denke an Herrn Stamp,
den Familienminister aus NRW, der sich vor kurzem damit hervorgetan hat zu
betonen, dass es viele Lehrer – er sagt wirklich viele – gegeben habe, die sich im
Lockdown bequem eingerichtet hätten. – Schwarze Schafe gibt es überall und in
jeder Berufsgruppe. Wertschätzung hört sich anders an.
Paulus hat das im Römerbrief den Christen und Christinnen ins Stammbuch
geschrieben. Röm 12,10 ist das nachzulesen. Da schreibt Paulus „Übertrefft
euch gegenseitig darin, einander Achtung zu erweisen.“ Man könnte auch sagen
Respekt oder Wertschätzung.
Und nun Ende der Woche die Meldung, dass der Bonus für Pflegekräfte in
Kliniken doch gezahlt werden soll. Wobei sich der Bund daran weiter nicht
beteiligt. Die gesetzlichen Krankenkassen stellen 100 Millionen bereit. Das
verstehe ich zwar nicht, aber ok: Prima – da ist der Protest wohl angekommen. –
Und dann habe ich weiter recherchiert und es kommt raus: Der Bonus soll nur
den Pflegekräften gezahlt werden, die wegen der Corona-Krise besonderen

Belastungen ausgesetzt sind. Was soll das denn heißen? Gilt der Bonus jetzt nur
für Pflegekräfte, die auf einer Corona-Station gearbeitet haben? Die Kliniken
sollen festlegen, wer in welcher Höhe den Bonus bekommt. – Also geht es wohl
doch nicht darum, generell ein Zeichen zu setzten und die Arbeit der
Pflegekräfte zu würdigen? Im Blick auf die Altenpflegekräfte wird ja gerade
nicht unterschieden. Es ist ja nicht so, dass nur die Altenpflegekräfte, die mit
Corona-infizierten Bewohnern zu tun hatten, den Bonus bekommen. Nein er
wird generell an die Pflegekräfte gezahlt, weil es eben darum geht, dieser
Berufsgruppe gegenüber die Anerkennung unserer Gesellschaft auszudrücken. –
Im Blick auf die Pflegekräfte in Krankenhäusern sind wir wohl immer noch
nicht so weit. Was für eine elende Rumtrickserei. Wieso kommt es nicht an,
dass es darum geht, generell und zeichenhaft den Respekt und die Anerkennung
für die Menschen auszudrücken, auf die wir alle angewiesen sind, wenn wir
gepflegt werden müssen – egal ob in einem Altenheim oder in einer Klinik?
Röm 12,10: „Übertrefft euch gegenseitig darin, einander Achtung zu erweisen.“
– Das müssen wir in unserer Gesellschaft erst mal noch lernen.


Seien sie gut behütet!
Pfarrer Thorsten Schmitt

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