Angedacht-Impuls vom 10.Sonntag nach Trinitatis, den 16.08.2020

Das Holzpferd, so heißt es, lebte länger im Kinderzimmer als irgendjemand sonst… es war in Ehren alt und weise geworden. Da fragte eines Tages der Stoffhase, den die Frage bis dahin anscheinend schon ein Weilchen beschäftigt hatte, wie aus dem Nichts, das Holzpferd: Sag, was ist eigentlich wirklich? Wirklich, antwortete da das Holzpferd, ist nicht, wie man gemacht ist. Es ist, was an einem geschieht. Wenn ein Kind dich liebt, für eine lange, lange Zeit, wenn es dich wirklich liebt, dann wirst du wirklich.

Nicht, wie man gemacht ist, macht einen wirklich, sondern was an einem geschieht. Nicht der Zustand ab Werk sozusagen, sondern die ganze Liebe, die da fortan hineingelegt wird, das, was einem in dieser Weise gilt, das ist  entscheidend. Dementsprechend groß ist ja auch in der Regel die Katastrophe, wenn ein Kind z.B. sein geliebtes Spieltier oder seine Puppe verliert, wohl, weil damit dann auch so viel an Liebe verloren ist.

Was an einem geschieht, die Liebe, die da zugewandt, das ist das Entscheidende. Dieser Gedanke erschließt mir am 10. Sonntag nach Trinitatis, dem sogenannten Israelsonntag, das, was Paulus im 11. Kapitel des Römerbriefes über das Verhältnis von Juden und Christen schreibt bzw. richtiger, was er den Christen über dieses Verhältnis ins Stammbuch schreibt.

Paulus wendet sich gegen jeden Anflug von Hochmut bei den frischgebackenen Christen, die in der Gefahr stehen, sich ihre Zuwendung zum Christentum gar als eigenen Verdienst zuzurechnen, und im Gegenzug die Juden, welche Jesus nicht als den Messias sehen, nur als verstockt anzusehen. Paulus weist darauf hin, dass es komplexer und geheimnisvoller ist, ja, dass es letztlich Gottes Barmherzigkeit und Liebe ist, von der Alle leben, Juden wie Christen, und dass Gott auf dem Weg dahin alles in Dienst nehmen kann, und deshalb letzte Urteile übereinander dem Menschen nicht zustehen, zumal dieser im letzten gar nicht übersieht, was in Gottes Plan jeweils wozu gut sein mag.

Paulus schreibt im Römerbrief Kap. 11, ab Vers 25: „Ich will euch, liebe Brüder/ liebe Schwestern, dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, so lange bis die Fülle der Heiden zum Heil gelangt ist; und so wird  ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht: „Es wird kommen aus Zion der Erlöser, der abwenden wird alle Gottlosigkeit von Jakob. und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.“ Um dann am Ende diesen Textabschnitt zu schließen mit: „Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.“

Auch wenn es ganz unterschiedliche Wege sind, die Gott mit den Menschen geht, es ganz unterschiedliche Geschichten sind, die er mit den Menschen hat, in dem einen stimmen sie überein: Es geht um Gottes Liebe; seine Barmherzigkeit gilt allen. Dem soll sich der Mensch überlassen, das soll er sich gefallen lassen, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Mögen Gottes Liebe und Barmherzigkeit auch eine je eigene Gestalt haben, wie ja etwa auch die Liebe von Eltern gegenüber ihren Kindern nie die genau gleiche Gestalt hat, und doch eine sein soll! Ja, manchmal kann es sogar sein, dass, damit der eine nicht auf der Strecke bleibt, der andere erst einmal scheinbar zurückgewiesen werden muss, – ja, da ist dann wahrlich viel Geheimnis, und dennoch oder mitten darin gilt allen ganz gewiss Gottes Liebe und Barmherzigkeit. Da ist kein Grund für den schälen Blick zur Seite oder Eifersucht oder Hochmut. Ja, schon im Zwischenmenschlichen kann es ein weiter Weg sein, bis eingesehen wird, dass die Elternliebe, die der Schwester, dem Bruder unverdient gilt, auch einem selbst, was man auch erst einmal einsehen muss, und was manchmal gar nicht so leicht, nur unverdient gilt.

Entsprechend spät hat auch die Kirche eingesehen: so wie Israel unverdient er-wählt ist, und das Ziel aller Wege Gottes mit seinem Volk das Erbarmen Gottes sein wird, dass da nun in dieser Bestimmung kein Unterschied ist zwischen Juden und Christen.

Nun sich mit dem eigenen christlichen Glauben, der ja zentral Glaube an Gottes Barmherzigkeit ist, zu erheben etwa über Israel, darauf will Paulus hinaus, ist  Widerspruch in sich. Ähnlich sollte für den Dialog mit allen Religionen gelten: Gott ist wohl immer größer und noch ist nicht aller Tage Ende! Worauf zu vertrauen ist, das ist, dass das klare Ja, das Gott in Jesus Christus gesprochen hat, am Ende gewiss allen gelten wird; und dass in Gottes Heilsgeschichte alles einmünden wird, auch so manches Rätsel, auch so manche Unheilsgeschichte noch unter den Menschen, das schon. Bereits jetzt lohnt es sich, Spuren dieses Erbarmens gerade beim vermeintlich Anderen zu identifizieren, miteinander und voneinander zu lernen, und das alles betont ohne jeden vom Menschen erhobenen Anspruch, die Wahrheit für sich gepachtet zu haben. „Die Anerkennung von Pluralität Ist die Grundbedingung menschlicher Existenz“, hat die Philosophin Hannah Arendt einmal formuliert. Ja, sich auf Gottes Liebe und Barmherzigkeit angewiesen zu sehen, sollte einen ganz bestimmten Umgang zumal mit Andersdenkenden und Andersglaubenden aus sich heraussetzen, ohne jeden Fundamentalismus, und in dem Bewusstsein, dass es am Ende auf keinen Fall auf uns ankommt. Wie man es dreht und wendet, von dem einen lässt Paulus nicht ab: Wir leben alle von Gottes Barmherzigkeit, von dem, was an uns von Gott her geschieht, geheimnisvoll, liebevoll, und uns wirklich werden lässt.

Einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche wünscht Ihnen

Ihr Pfarrer Matthias Bertenrath