Angedacht-Impuls vom 22.03.2020

Liebe Leserin, lieber Leser!


Wir durchleben ver-rückte Zeiten. Was vorgestern noch undenkbar schien, ist
übermorgen schon fast normal. – Ein paar Beispiele, an denen ich das merke:
Vor 3 Wochen hätte ich es noch für irreal gehalten, dass nur noch maximal 50
Kunden in den Supermarkt gelassen werden, ganz zu schweigen von der
Tatsache, dass viele Leute Klopapier horten. – Wenn mir jemand erzählt hätte,
dass Mitte März keine Gottesdienste mehr stattfinden und unsere Kirchen zu
gemacht werden müssen, sodass man nicht mal mehr für ein persönliches Gebet
dort sitzen kann, hätte ich gesagt: Du spinnst! – Dass wir die Konfirmationen,
die Mitte Mai geplant waren, absagen und auf den Herbst verschieben müssen,
hätte ich für unmöglich gehalten. – Dass ich Trauerfeiern mit maximal 10
Angehörigen – und eigentlich nur Angehörigen des ersten Grades – direkt unter
freiem Himmel am Grab gestalte, hätte ich für undenkbar gehalten. Und dass
Nähe zu Menschen nur durch Abstand gelebt werden kann und Zurückhaltung
Ausdruck von Zuneigung ist, hätte ich für widersinnig gehalten. – So könnte ich
fortfahren.
Wir machen alle in rasantem Tempo Lernprozesse durch. Vor kurzem noch
Undenkbares wird plötzlich zur Normalität, weil sich die Lebenssituation durch
die Corona-Pandemie radikal verändert hat.
Mir wird klar, wie viele Dinge es in meinem Leben gegeben hat und gibt, die
mir Kontinuität verbürgen. Der zwanzigste Urlaub am gleichen Ort. Die immer
gleiche Runde um den Block. Das regelmäßige Treffen mit Freunden. Die
Curry-Wurst vor dem Kinobesuch im Hürthpark usw usf – Das Leben scheint
dadurch gesichert und berechenbar zu sein.
Ist es aber nicht. Ich mache mir etwas vor. Im Grunde kommt mit den
Veränderungen unseres Lebens, die durch das Corona-Virus ausgelöst werden,
nur etwas heraus, was immer gilt: Unser Leben ist ständigen Veränderungen
unterworfen. Im Normalfall nehme ich das nur meistens nicht so stark wahr. Die
jetzige Krise macht es nur deutlicher spürbarer.
Welche Rolle spielt mein Glaube an Gott in dieser Situation?
Mir gehen biblische Texte durch den Sinn, die ein Bild von Gott zeichnen, der
ein sich für uns Verändernder ist. Im 2. Buch Mose wird erzählt, dass Gott Mose
befiehlt, als sein Sprachrohr zum Pharao zu gehen und sein Volk aus der
Sklaverei in Ägypten zu führen. Für Mose eine undenkbare Situation – er fühlt
sich diesem Auftrag in gar keiner Weise gewachsen. Mose fängt an mit Gott zu
diskutieren: „Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehe und führe die Israeliten aus

Ägypten?“ – Gott reagiert so, dass er Mose verspricht: „Ich will mit dir sein.“
Mose nährt sich dem an, den Auftrag anzunehmen und fragt: „Wenn ich zu den
Israeliten komme und spreche zu ihnen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch
gesandt, und sie mir sagen werden: Wie ist sein Name? Was soll ich ihnen
sagen?“ Und Gott antwortet Mose: „Ich werde sein, der ich sein werde. So sollst
du zu den Israeliten sagen: „Ich werde sein“, der hat mich zu euch gesandt.“
Gottes Name ist „Ich werde sein, der ich sein werde.“ Man könnte auch
übersetzen: „Ich bin der, der immer wieder neu da ist.“ Oder: Ich werde für euch
sein, der ich für euch sein werde.“ – Gott ist einer, der sich für uns verändert und
genau so in allen Veränderungen, die wir durchleben müssen, bei uns sein kann.
Das ist eine Linie, die die Bibel durchzieht. Gott selber verändert sich uns
zugute, damit er (oder sie) uns nahe sein kann. – Dieser Glaube gibt mir Kraft
und Zuversicht. Es gibt keine Garantie für mich, dass mein Leben
kontinuierlich, schmerzlos und leicht verläuft. Aber es gibt das Versprechen,
dass ich in all dem, was ich durchlebe, getragen und gehalten bin.
Eine Freundin von mir hat mir einen Link geschickt, in dem Musiker aus aller
Welt per Videokonferenz gemeinsam den Choral „Befiehl du deine Wege“
musizieren und singen. Sehr berührend finde ich. Dieses große alte Kirchenlied
bringt das, was ich hier aufgeschrieben habe, auf den Punkt: „Befiehl du deine
Wege und was dein Herze kränkt, der allertreusten Pflege des, der den Himmel
lenkt. Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch
Wege finden, da dein Fuß gehen kann.“


Hören und sehen Sie sich die Aufnahme des Liedes an:
https://www.pro-medienmagazin.de/kultur/musik/2020/03/21/musiker-singen-
weltweit-gemeinsam-bach-choral-gegen-corona/

Bleiben Sie gut behütet.
Ihr Pfarrer Thorsten Schmitt


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