Angedacht-Impuls vom Sonntag, den 30.08.2020

Liebe Gemeinde, das Haus, in dem ich meine Kindheit und Jugend verbracht habe, ist ein altes Bauernhaus in Norddeutschland. Über Jahrzehnte hinweg ist an diesem Haus herumgefrickelt worden. Hier eine Mauer ausgebessert, dort etwas angebaut, da etwas erneuert, manchmal mehr schlecht als recht. Doch das Haus steht noch. Und zwar stehen die Grundmauern auf großen behauenen Feldsteinen, die an manchen Stellen von außen gut sichtbar sind. Würde dieses Haus niederbrennen, so würden die Grundsteine danach noch immer unverrückbar an ihrem Platz liegen. Mein Ururgroßvater hat das Bauernhaus 1884 gekauft. Über den Vorbesitzer gibt es die Anekdote, dass der doch sehr dem Alkohol zugeneigt war und seine Wirtschaft nicht gut zu führen wusste. Er soll ziemlich faul und nachlässig gewesen sein. Und wenn im Winter das Brennholz knapp wurde, weil er nicht beizeiten genug Holz geschlagen hatte, so soll er seinen Knecht auf den Dachboden geschickt haben, um dort etwas Holz aus den Dachbalken herauszusägen. Dies wohl durchaus mehrmals – und eines Tages, als ein gewaltiger Sturm tobte, sei ihm das Strohdach über dem Kopf weggeflogen, weil sein Gebälk durch das beständige Heraussägen von Brennholz nicht mehr tragfähig war.

Das Foto wurde aufgenommen in einem verlassenen Hof in Kerpen-Manheim

Diese Anekdote fiel mir ein beim Lesen des Predigttextes für heute aus dem 1. Brief an die Korinther, Kapitel 3, die Verse 9 – 17. Dort schreibt der Apostel Paulus unter anderem:

„Denn wir sind Gottes Mitarbeiter, ihr seid Gottes Ackerfeld und Gottes Bau. Ich nach Gottes Gnade, die mir gegeben ist, habe den Grund gelegt als ein weiser Baumeister, ein anderer baut darauf. Ein jeder aber sehe zu, wie er darauf baut. Einen andern Grund kann niemand legen, als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.

Wenn aber jemand auf den Grund baut Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu, Stroh, so wird das Werk eines jeden offenbar werden. Der Tag des Gerichts wird’s klarmachen, denn mit Feuer wird er sich offenbaren (…)“

Das Fundament, die Grundsteine, der Grund auf dem gebaut wird, ist mit entscheidend für die Stabilität des ganzen Gebäudes. Paulus vergleicht  die Situation der Gemeinde in Korinth mit einem Bauwerk. Es war eine noch sehr junge Gemeinde, in der Christen unter allerlei Einflüssen der Großstadt und mit vielen verschiedenen Ansichten versuchten, sich als christliche Gemeinschaft zu etablieren. Paulus gibt ihnen zahlreiche Handlungsempfehlungen und warnt vor Spaltung und Irrlehren.

Dabei benutzt er ein Bild aus dem Bauwesen, um zu verdeutlichen, dass sich die Gemeinde zum einen dessen bewusst sein muss, auf welcher Grundlage sie überhaupt existiert: „Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus“. Aber das allein reicht nicht aus, sondern entscheidend ist auch, wie darauf weiter auf-gebaut wird. Um in dem Bild zu bleiben: wenn nur lose ohne Verbindung zum Grundstein Baumaterialien aufeinander getürmt werden, hat es keinen Bestand. Und wenn nichts da ist, was die verschiedenen Baumaterialien zusammenhält, wird auch das keinen Bestand haben. Und wenn etwas zusammengefügt ist und stabil scheint, so ist es trotzdem gefährdet, wenn tragende Elemente beschädigt werden wie in dem anfangs erzählten Beispiel mit den Dachbalken. Und wenn das Dach beschädigt ist und Wind und Wasser eindringen kann, dann gefährdet das auf Dauer die ganze Bausubstanz. Und wenn das gewählte Baumaterial überhaupt nicht für einen langfristig stabilen Bau taugt, dann kann es blitzschnell in einem verheerenden Feuer vernichtet werden.

Unsere Kirche, jetzt nicht als Gebäude verstanden, sondern  als Gemeinschaft, ist ein Gebilde aus verschiedenen Menschen. Menschen mit den unterschiedlichsten Lebensgeschichten, Erfahrungen, Sehnsüchten, Ideen und Beweggründen kommen zusammen, um sich miteinander als Gemeinschaft zu erleben. Wenn wir uns im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes zum Gottesdienst versammeln, vergegenwärtigen wir uns, wer der sinnstiftende Grund unserer Gemeinschaft ist. Im Glaubensbekenntnis sprechen wir aus, auf welchem Fundament wir unseren Glauben gründen. Doch wie unsere Kirche, unsere Gemeinschaft dann tatsächlich aussieht und wie tragfähig sie ist, das liegt in unser aller Hand und Verantwortung. Und gerade in Zeiten wie diesen, in denen die Gefahr der Vereinzelung und Vereinsamung so groß ist, wird sich erweisen müssen, welchen  Zusammenhalt Menschen tatsächlich spüren und erleben können. Auch und gerade dann, wenn die realen Begegnungsmöglichkeiten auf Dauer eingeschränkt sind und vorerst wohl auch bleiben werden. Wir versuchen dabei, verschiedene Wege zu gehen, verschiedene Angebote zu machen, um Menschen zu erreichen. Wir probieren Gottesdienste aus, in denen wir auf so wichtige gemeinschaftsstiftende Elemente wie das Singen und bisher auch auf das Abendmahl verzichten müssen. Dafür haben wir die Chance entdeckt, über das Internet Menschen zu erreichen, die sich nicht auf den Weg in unsere Kirchengebäude machen. Gruppen und Kreise probieren aus, wie sie sich unter den derzeitigen Bedingungen treffen können. Unsere Planungen müssen wir offen und flexibel halten, ohne uns in die Unverbindlichkeit zu flüchten. Wie und wo können wir als tragfähig und zuverlässig erlebt werden, wenn alles im Fluss und nicht mehr berechenbar ist? Das ist eine große Herausforderung – nicht nur für jeden einzelnen, sondern auch für uns als Kirchengemeinde.

Ende September wird der neue Gemeindebrief erscheinen unter dem Titel „Krise als Chance?!“      Der Vor-Entwurf dafür verspricht interessante und lesenswerte Beiträge.

Möge Gott, der Grund allen Seins, uns stärken durch die Kraft der Liebe, wie sie uns in Jesus offenbart wurde und unseren Zusammenhalt festigen durch die Kraft des heiligen Geistes. Amen.

Einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche wünscht Ihnen

Frauke Leist, Diakonin