Angedacht-Impuls zu Pfingsten 31.05.2020 / 01.06.2020

Pfingsten, Weihnachten und Ostern sind Höhepunkte des Kirchenjahres.

Zu Weihnachten und Ostern gibt es, das wissen wir, eine ganze Reihe von Bräuchen; manche haben mehr, manche weniger mit der eigentlichen Botschaft des jeweiligen Festes zu tun. Auf jeden Fall sind solche Bräuche hilfreich, denn sie machen das Fest greifbar, erfahrbar.

Bei Pfingsten sieht das anders aus. Da gibt es wenige Bräuche, die allgemein bekannt sind und gepflegt werden; der bekannteste Brauch ist da vielleicht noch das Fliegenlassen einer Taube – Sie kennen vielleicht diese Begebenheit, die da in unnachahmlicher Weise einst der Kabarettist, Diakon und Büttenclown Willibert Pauels,  schilderte: Der Dompropst hat sich eine kleine Inszenierung zur Illustration seiner Pfingstpredigt ausgedacht; an der Stelle, wo es im Text heißt: „und der Heilige Geist kam herab wie eine Taube!“, da soll eine Taube durchs große Kirchenschiff fliegen… doch als es soweit ist, passiert nichts, und der Dompropst wiederholt: „und der Heilige Geist kam herab wie eine Taube!“, doch es passiert immer noch nichts; und noch einmal, leicht gereizt bereits, und mit kräftiger Stimme wiederholt er aufs Neue: „und der Heilige Geist kam herab wie eine Taube!“ … Da öffnet sich knarrend die Sakristeitür, der Küster steckt seinen Kopf heraus und gut hörbar erklärt dieser: „Er kann nicht kommen, die Katze hat ihn gefressen!“ Die Geschichte zeigt auf eigene Weise: es ist nicht einfach…, Pfingsten anschaulich zu machen.

Nun habe ich von einem Brauch in Italien gelesen, der mir gut gefallen hat. Da werden in manchen Orten in den Kirchen von der Empore rote Rosen geworfen; diese sollen das Herabkommen der Feuerszungen darstellen, von dem in der Bibel erzählt wird. Diese Feuerszungen in der Bibel wiederum stehen für Gottes Heiligen Geist, der die Menschen ergreift und verändert. Natürlich ist das nun eine spezielle Vorstellung in diesen Corona-Zeiten: Feuerszungen von oben, wo doch aktuell schon das gemeinsame Singen, zumal das Singen von oben, von der Empore aus verboten ist – wegen der Aerosole…

Die Botschaft lautet freilich, es soll klar werden: Von Gottes Geist beseelte Menschen können Dinge, die sie vorher nicht für möglich gehalten hätten: Sie können sich insbesondere verständlich machen, werden verstanden… sie als solche, die eben „Feuer und Flamme“ sind.

Aber das, wovon sie begeistert sind, das ist nicht irgendetwas, das ist nicht nur irgendeine Passion, so, wie wir vielleicht von irgendetwas begeistert sind, gar unbändige Freude an etwas haben, hin und weg sind von diesem oder jenem.

Die Jüngerinnen und jünger sind begeistert betont von der Liebe Gottes, und das führt dazu, dass sie am Ende verstanden werden, genau das wirkt sich aus auf ihr ganzes Verhalten, angefangen bei der Art, wie sie kommunizieren. Die anderen merken schnell: ja, hier passen Form und Inhalt zusammen, hier begegnen ihnen solche, die wissen, wovon sie sprechen, die glaubwürdig sind, das ist spürbar – und so spielt die jeweilige Muttersprache hier keine Rolle.

Anders gesagt: der Geist, um den es an Pfingsten geht, ist der Geist der Liebe, in Gottes Liebe gründend und durch die Menschen hindurchgehend, sie leitend und begleitend, erleuchtend und bewegend.

Nur in diesem Geist lässt sich von Gott sprechen. Genau diesen Zusammenhang meint ein theologischer Buchtitel, der provozierend, aber auf den Punkt hin fragt: „Mit lieblosen Gottesdiensten Gottes Liebe feiern?“ Das kann nicht sein. Das kann nicht funktionieren. Glaubwürdigkeit ist völlig zu Recht so etwas wie die Achillesferse der Kirche.

Der Heilige Geist – der Geist der Liebe … insofern passen da die in Italien von der Kirchenempore geworfenen roten Rosen eigentlich perfekt…

Diesen Geist der Liebe brauchen wir, und es ist gut, dass er uns verheißen ist.

In einem Pfingstpsalm von Hanns Dieter Hüsch heißt es:

Stellt die Meinungen ein

Dass die Liebe gedeiht

Lasst die Liebe blühen

Dass der Frieden wächst

Lasst den Frieden in Eurer Herz

Dass die Menschen erlöster aussehen

Befreit den Menschen

Damit er vorn den Ansichten lässt

Und die Meinungen einstellt

Dass die Liebe gedeiht

Und sagen kann

Ich bin für Dich

Und nicht gegen Dich

Ich bin mit Dir

Und nicht vor Dir oder nach Dir

Ich bin bei Dir

Auch wenn Du gegen mich bist



Schöner, treffender kann man es nicht formulieren: dass meine Wahrheit mir gerade im Anderen begegnen will, und dass ich ihn darum brauche, schon im eigenen Interesse; dass es darauf ankommt, schon im eigenen Interesse, die Liebe gedeihen zu lassen… sich in den Anderen hineinzuversetzen, in seine Ängste, Sorgen, Grenzen, Hoffnungen und Wünsche; alle Antennen auf Empfang zu stellen, und nicht nur zu sehen und zu hören, was ich längst zu wissen meine; auch nicht das Gewissen des Anderen zu überfordern, und gerade so vielleicht erst recht dann auch auf das eigene zu hören…

Diesen Geist der Liebe brauchen wir; und es ist gut, dass er uns verheißen ist, dieser Geist der Liebe, der darum weiß, dass Freiheit immer die Freiheit des Andersdenkenden ist; und der erst als solcher zu einer Verständigung führen kann, die weit über alles hinausgeht, was man mit einem Langenscheidt-Sprachreiseführer in der Hand bewerkstelligen kann, und der zumal in Glaubensdingen unverzichtbar ist – ist doch Gott immer größer!

Bei Kindern kann man manchmal erleben, wie es gehen kann. Vielleicht im Urlaub. Wenn da Kinder mit jeweils eigener Muttersprache, zusammen zu spielen vermögen, ohne im engeren Sinne sprachlich zu kommunizieren. Da kann man erleben: was  Kommunikation, auch unter Erwachsenen entscheidend gelingen lässt, ein Geist der Liebe, oder anders gesagt: eine bestimmte Haltung: voller Offenheit, Aufmerksamkeit, freundlichem Interesse, eben lie-bevoller Zugewandtheit. Solche innere Haltung brauchen wir immer wieder neu, damit Kommunikation, Miteinander gelingt, mit ihr fängt es auch an, dass sich, wie bereits die Apostelgeschichte lehrt, die Botschaft von der Liebe Gottes ausbreitet, ausbreiten kann.

Was man in Italien mit den roten Rosen macht. die zu Pfingsten da an manchen Orten von der Kirchenempore herunter auf die Gläubigen geworfen werden, weiß ich nicht. Die Menschen werden sie wohl mit nach Hause nehmen, um so ein kleines sichtbares Stück vom Geist Gottes, der ein Geist der Liebe ist, weiterhin vor Augen zu haben und sich immer wieder neu zu sagen: Möge Gott immer wieder neu seinen Geist der Liebe regnen, diesen auf mich herabkommen lassen, oder – Sie ahnen vielleicht schon, worauf ich hinaus will – etwas poetischer formuliert: Möge es für mich rote Rosen regnen…

Frohe und gesegnete Pfingsten wünscht Ihnen

Ihr Pfarrer Matthias Bertenrath