Angedacht zum 02.05.2021 von Pfr. Thomas vom Scheidt

Liebe Gemeinde,

Als mich Pfarrer Thorsten Schmitt – ich meine es war Ende des letzten Jahres – fragte, ob ich nicht einen Gottesdienst in Glessen übernehmen könne, habe ich gerne ja gesagt. Und als er mir die zur Auswahl stehenden Termine nannte, habe ich in den sog. Liturgischen Kalender geguckt und gesehen, dass der Sonntag Kantate dabei. Da habe ich gerne zugesagt. Ich mag diesen Sonntag Kantate, wo es viel um Musik und das Singen geht.

Und ich dachte, sicher können wir im Frühjahr auch wieder gemeinsam singen, aus vollem Herzen und aus voller Kehle. Ich habe mir das ausgemalt: Schöne Lieder und alle singen mit, weil sie sich freuen, endlich wieder singen zu dürfen. Ein lauter und vielstimmiger Gesang aus jungen und alten Stimmen. Ach, seufz….

Nun, leider beschäftigt uns dieses blöde Virus immer noch. An Gemeindegesang ist immer noch nicht zu denken. Und statt vielstimmig kann auch in diesem Gottesdienst leider nur mit einer Stimme gesungen werden – und das noch hinter Maske.

Ich vermisse das sehr, zusammen zu singen. Sich getragen zu wissen vom gemeinschaftlichen Gesang, vielstimmig eben. Nach mehr als einem Jahr Corona ist mir jetzt machmal auch gar nicht mehr zum Singen zumute, manchmal verschlägt es mir die Stimme, manchmal bleibt sie ganz weg.

Wenn mir überhaupt Singen in den Sinn kommt, dann möchte ich in diesen Tagen eher Klagelieder wie den Psalm 130 anstimmen. Manchmal ist mir in diesen Tagen auch eher zum Schreien als zum Singen zumute. Da möchte der Ärger und die Wut raus. Über die anhaltenden Einschränkungen, über die gelähmte Stimmung.

In dem heutigen Predigttext geht es auch um das Singen, aber es geht interessanterweise auch ums Schreien – zwei zentrale Worte im Text bei Lukas.

Ich lese aus dem Lk. Ev, Kap. 19, 37 – 40 den Predigttext:

37: So kam Jesus zu der Stelle, wo der Weg vom Ölberg nach Jerusalem hinabführt.

Da fing die ganze Menge der Jünger an, mit Freuden Gott zu loben mit lauter Stimme über alle Taten, die sie gesehen hatten, 38und sprachen: Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!

39Und einige von den Pharisäern in der Menge sprachen zu Jesus: Meister, weise doch deine Jünger zurecht! 40Er antwortete und sprach: Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien. Soweit der kurze Predigttext für den heutigen Sonntag Kantate.

Der Predigttext führt uns noch einmal zurück in die Zeit vor Ostern. Der Einzug in Jerusalem steht unmittelbar bevor. Die heilige Stadt Jerusalem liegt im ganzen Panorama vor den Menschen, die da hinab ziehen. Ein erhabener Moment, und für die Menschen um Jesus ein Grund um zu singen.

Was singen die Jünger da eigentlich?

Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!“

Sie singen, was die Hirten schon zu Weihnachten, zur Geburt Jesu angestimmt haben: Ein Loblied. Sie stimmen in ihrem Lobpreis Worte aus Psalm 118 an und singen sie fröhlich. Der Friedenskönig, geboren im kleinen Betlehem, zieht nun in Jerusalem ein.

Einigen aber passt dieser Jubel nicht. Vielleicht ist ihnen der Gesang zu euphorisch, vielleicht wollen sie aber darauf hinweisen: Seid nicht zu laut, einige in Jerusalem finden es gar nicht gut, wenn zu laut von einem Retter gesungen. Seid besser mal still.

Jesus antwortet ihnen mit einem etwas geheimnisvollen Satz: „Wenn diese Menschen schweigen werden, dann werden die Steine schreien.“

Was ist mit schreienden Steinen gemeint ? – sicher ein Wort in einem metaphorischen, übertragenen Sinn. Viele deuten diesen Satz so: Jesus nimmt hier schon vorweg, dass die Stadt Jerusalem und der Tempel von den Römern zerstört werden wird. Da werden aus Bauwerken Trümmer, die zum Himmel schreien.

Und auch Jesu bevorstehender Tod klingt darin an. Der Evangelist Lukas wusste zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich auch schon, was passieren war. Der Tempel, den einst Salomo erbauen ließ, er liegt zum Zeitpunkt des Entstehen dieses Textes schon in Trümmern. Heute stehen an der Stelle des zerstörten Tempels viele große Steine, die imposante Klagemauer – sie ist die westliche Mauer des von den Römern zerstörten Tempels. 

Dort versammeln sich die Jüdinnen und Juden bis heute zum Gebet. Es wird gesungen und gebetet, Lob- und Klagelieder mischen sich! Wie in den Psalmen, erklingt dort beides: „Aus der Tiefe rufe ich zu Dir“ genauso wie „Lobet den Herren“. So wie in dem Predigttext – Singen und Schreien zusammen gehören. Für mich ist der Predigttext ein eindrückliches Signal, ein Anspruch und ein Zuspruch gegen das Verstummen

-> die Sache Jesu geht weiter. Durch Zerstörung und Tod hindurch, durch Kriege und Krisen durch. Die gute Botschaft geht nicht verloren, auch wenn die Stimmen der ersten Jüngerinnen und Jünger verstummt sind, auch wenn zwischenzeitlich die Steine geschrieen haben.

Es kamen andere, die die Geschichte weitererzählt und weitergesungen haben, manchmal sehr leise, manchmal vielleicht auch etwas schief, manchmal einsilbig und einstimmig. Aber die frohe Botschaft ist nicht verstummt.

Deshalb feiern auch wir heute im Mai 2021 den Sonntag Kantate – und feiern ihn auch Zukunft. Wir singen und erzählen weiter, heute etwas leiser und zaghafter, aber sicher bald auch wieder kräftiger und vielstimmiger.

Amen.

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