Evangelische Kirchengemeinde Bedburg-Niederaussem-Glessen
+49 2272 409027
info@kirche-niederaussemglessen.de

Angedacht zum 03.07.2022

Angedacht zum 03.07.2022

Liebe Gemeinde,

wenn Eltern in der Kommune Bergheim ihr Kind in einer Kita anmelden wollen, so müssen sie dies online im sogenannten Kita-Navigator tun. Für internetfähige und computeraffine Menschen eigentlich kein Problem, aber immer mal wieder stehen bei uns an der Kitatür Menschen, die mit diesem Online-Format aus den unterschiedlichsten Gründen nicht zurechtkommen. Dann biete ich schon mal einen Termin an, diesen Eltern beim Ausfüllen des online-Formulars behilflich zu sein.

So hatte ich auch dieser Tage wieder einen Vater im Büro sitzen, der diese Hilfe benötigte. Im Gespräch stellte sich heraus, dass es sich um eine vor einigen Jahren aus Syrien geflüchtete Familie handelt. Der Vater ein studierter IT-ler, der in Syrien sein Studium aber nicht abschließen und es hier in Deutschland nicht fortsetzen konnte, zum einen, weil der in Syrien erworbene Studienstatus hier nicht anerkannt wird und zum anderen, weil er inzwischen Vater dieses nun für die Kita anzumeldenden Kindes geworden war und somit sich kein Studium mehr leisten könnte.

„Seit ich in Deutschland bin, arbeite ich wie ein Esel, damit ich Geld verdiene und meine Familie ernähren kann“ sagte er mir, „aber es ist alles so teuer geworden. Und da sind andere, die kommen nach Deutschland und die sitzen nur zuhause und machen nichts und die kriegen Geld für Nichtsmachen. Warum arbeiten die nicht? Ich verstehe Deutschland nicht…“ Mein Einwand, dass Deutschland nun mal ein Sozialstaat sei, blieb für ihn nicht nachvollziehbar. Und das ist es offensichtlich für viele andere auch nicht, die sich lautstark immer wieder abwertend über sogenannte Sozialschmarotzer auslassen oder eher still resignierend unter einer gefühlten Ungerechtigkeit leiden.

Das eben gehörte Gleichnis vom sogenannten verlorenen Sohn gehört wohl mit zu den bekanntesten Geschichten der Bibel.

Wer selber Geschwister hat oder mehrere Kinder, wird es kennen, dieses Spannungsfeld im Dreieck zwischen Geschwisterrivalität und Elternliebe.

Da ist einer, der verschafft sich selbstbewusst, ja dreist eigentlich,  einen Vorteil, in dem er vorzeitig sein Erbteil fordert und dann ohne Blick auf die Zukunft sorglos und leichtsinnig verprasst. Da ist einer, der sich vom Vater zurückgewiesen und übergangen fühlt und sich über den festlichen Empfang für den Bruder erbost. Da ist der Vater, der den zunächst dreisten und dann reumütigen Sohn mit Liebe und Festlaune überschüttet und zugleich die brave Angepasstheit des anderen für so selbstverständlich hält, dass darum doch kein Aufhebens gemacht werden müsste.

Wenn ich diese Geschichte in der Kita erzähle – anschaulich mit kleinen Figuren, mit klimperndem Münzgeld, das zusehends zur Neige geht bei lautstarken Partys und irgendwann alle ist, mit Schweinen aus der Schleichtierkiste, dann gehen die Kinder richtig mit. Und dann kommen diese spannenden Momente, wo ich den Erzählfluss unterbreche, um die Kinder zu fragen, wenn der junge Mann ohne Geld, zerlumpt und hungrig bei den Schweinen hockt: „Na, was meint ihr, was macht er jetzt?“ Dann kommen schon mal so Antworten von den Kindern wie: „Der geht nicht nach Hause, der hat Angst vor dem Vater.“ Dann die erste Überraschung bei den Kindern: Der traut sich, doch nach Hause zu gehen. „Und, was meint ihr, wie reagiert der Vater?“  frage ich dann weiter. „Was wird der Vater machen, wenn der Sohn nach Hause kommt?“  Reaktion der Kinder: „Der darf nicht mehr nach Hause, der Vater schickt ihn weg, der ist böse auf ihn…“  Zweite Überraschung und oft auch gefühlte Erleichterung bei den Kindern spürbar: Der Vater läuft mit offenen Armen auf den Sohn zu und drückt ihn vor Freude an sich. Ich belasse es bei dem Geschehen zwischen dem Vater und dem einen Sohn, um die Kinder nicht zu überfordern, aber das reicht schon.

Diese Geschichte bricht mit ihrem bis dahin so klaren schwarz-weiß-Bild von richtig und falsch, von angemessen und unangemessen, gerecht und ungerecht.

Und ich hoffe dann einfach, dass damit ein bisschen hängen bleibt von dem, was uns die biblischen Geschichten von Gottes Liebe und Barmherzigkeit erzählen, die nicht nach menschlichen Maßstäben von richtig und falsch, von angemessen und unangemessen, von gerecht und ungerecht bemisst.

Jeder und jede von euch, von Ihnen wird einen jeweils anderen Zugang und eine andere Perspektive auf diese Geschichte haben, je nachdem, mit welcher Figur in dieser Geschichte man sich solidarisiert oder  über deren Verhalten urteilt.

Wer aus persönlichen Gründen Schwierigkeiten mit einer Vaterfigur hat, mag diese Geschichte vielleicht ganz ablehnen, weil sie aufgrund erlebter seelischer Verletzungen nicht zu eigenen Lebenserfahrungen passen kann. Wer sich selbst eher auf der Verliererseite sieht, bleibt vielleicht misstrauisch im Blick auf das Erleben des zurückgekehrten und mit Liebe und materiellem Wohlstand überschütteten Sohnes und kann sich aber auch nicht wirklich mit dem scheinbar übersehenen und übergangenem Sohn identifizieren. Und wer im geschwisterlichen Ringen um eine gerechte Verteilung materieller Güter und elterlicher Zuwendung alles auf die Goldwaage legt und „gerecht“ gleichsetzt mit: jedem steht das gleiche zu, wird auch mit der „Moral dieser Geschicht“ nicht wirklich zurecht kommen.

Als Kind hatte ich mich zwar auch gefreut für den zurückgekehrten Sohn, aber doch mehr Mitleid mit dem in meinen Augen so unfair behandelten daheim gebliebenem Sohn und ich konnte ein Gefühl der Bitterkeit  nachempfinden.

Es hat ziemlich lange gedauert und einiges an Lebenserfahrung gebraucht, um einen anderen Blickwinkel auf diese Geschichte zu bekommen. Und ich würde sie heute nicht mehr unbedingt das Gleichnis vom verlorenen Sohn nennen, sondern eher das Gleichnis vom barmherzigen Vater.

Ich nehme heute viel mehr das wahr, was uns die Geschichte über Gottes Barmherzigkeit zeigen und sagen kann.

Barmherzigkeit: nur durch sie ist so unglaublich viel Geduld möglich, das Aushalten dessen, das sich jemand abkehrt und einen ganz anderen Weg einschlägt, das Abwarten können und das Vertrauen darauf, dass jemand den Weg zurück findet, die Liebe, die so stark ist, dass sie nicht urteilt und abwertet und Vorwürfe macht und die Tür zuschlägt, sondern aushält und vergibt, letztendlich aber wohl auch das Fernbleiben aushielte…

Gottes Barmherzigkeit, so wie ich sie verstehe,  ist nicht berechnend und nicht an Vorleistungen oder Wiedergutmachung von Fehltritten gebunden. Gottes Barmherzigkeit ist ein Geschenk an mich, wenn ich mich im Leben verrannt und verausgabt habe, wenn ich alles verloren und nichts mehr zu verlieren habe. Und sie ist auch da, aber wird von mir nicht unbedingt wahrgenommen, wenn ich angepasst und in der Spur bleibe, weil ich dann nicht diese Bedürftigkeit spüre.  Und würden wir nur ein ganz kleines bisschen Gottes Barmherzigkeit beherzigen in unserem Leben mit anderen, dann würden sich viel öfter Himmel und Erde berühren!

Amen.

Einen gesegneten Sonntag ud eine gute Woche wünscht Ihnen und euch

Diakonin Frauke Leist