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Angedacht zum 07.08.2022

Angedacht zum 07.08.2022

Das Scherflein der Witwe

Liebe Gemeinde,

der Predigttext für heute steht im Markusevangelium im 12. Kapitel, die Verse 41  bis 44.

Hier der Text aus der „Bibel in gerechter Sprache“:

Jesus setzte sich im Tempel in die Nähe der Schatzkammer und beobachtete, wie das Volk Geldmünzen in die Schatzkammer warf. Viele Reiche warfen viel hinein. Da kam eine bettelarme Witwe und warf zwei kleine Geldmünzen hinein, die nur wenig wert waren. Da rief Jesus seine Jüngerinnen und Jünger zu sich und sagte zu ihnen: „Ja, ich sage euch: Diese bettelarme Witwe hat mehr als alle anderen in die Schatzkammer hineingeworfen. Alle anderen haben aus ihrem Überfluss heraus gegeben, sie aber hat aus ihrer Armut heraus alles hineingeworfen, was sie besaß – ihren ganzen Lebensunterhalt. Damit hat sie ihr ganzes Leben Gott anvertraut.“

In jedem Gottesdienst sammeln wir Kollekten, also Spenden, für wohltätige Zwecke. Es gibt zwei Kollekten – eine für gemeindeinterne Zwecke und eine für Spendenprojekte der Landeskirche oder anderer Organisationen. An Weihnachten wird z.B. deutschlandweit in allen evangelischen Gottesdiensten für „Brot für die Welt“ gesammelt. In Coronazeiten, aber nicht nur dann, kann man natürlich auch online spenden, statt Münzen oder Scheine in die Spendenboxen zu werfen. Und dies ist zum Glück auch unabhängig von Gottesdienstbesuchen möglich – denn, sind wir mal ehrlich, dann kämen nur recht magere Beträge zusammen.

Aber bleiben wir mal bei z.B. „Brot für die Welt“ – im Jahresbericht für 2021 kann man nachlesen, dass eine Summe von 63,6 Millionen € durch Spenden und Kollekten zusammengekommen ist, ergänzt durch Zuwendungen aus kirchlichen Mitteln in Höhe von 60,8 Millionen € und dazu noch 164,7 Mio. € aus staatlichen Mitteln des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Somit hatte die Organisation „Brot für die Welt“ im vergangenen Jahr eine Summe von 321 Mio. € für ihre Entwicklungsarbeit in der ganzen Welt zur Verfügung. Damit lässt sich sicher eine ganze Menge an Hilfsprojekten vielfältigster Art unterstützen.

Ich muss zugeben, je mehr Nullen an einer Zahl hängen, desto abstrakter wird sie für mich, weil sie mir so unvorstellbar und nicht greifbar erscheint. Und spätestens seit mit dem Ausbruch des Ukrainekrieges die unvorstellbare Summe von 100 Milliarden € als Sondervermögen für die Bundeswehr in Aussicht gestellt wurde, komme ich mit meiner Vorstellungskraft nicht mehr wirklich mit. Aktuell liegt die Staatsverschuldung Deutschlands bei gut 2,37  Billionen €. Zahlen, bei denen es mir schwindlig wird beim Versuch, sie sich konkret vorzustellen. Ich musste erst mal nachlesen, wie viele Nullen eine Milliarde überhaupt hat  – es sind 9 Nullen. Und eine Billion hat 12 Nullen… im Vergleich dazu wirken die 321 Mio. € als Jahressumme von „Brot für die Welt“ auf einmal nicht mehr so beeindruckend… Die Zahl 300 Mio. hat 8 Nullen… Die Frage, ob die 100 Milliarden für die Bundeswehr Sinn machen oder was man mit einer nur halbwegs so hohen Summe im sozialen und caritativen Bereich alles bewirken könnte, das lasse ich jetzt mal außen vor. Ich versuche nur ein bisschen, Geldsummen in Relation zueinander zu setzen. Ende 2019 wurde vom Bund das sogenannte „Gute-Kita-Gesetz“ auf den Weg gebracht Mit dem Gute-KiTa-Gesetz unterstützt der Bund die Länder bis 2022 mit rund 5,5 Milliarden Euro bei Maßnahmen zur Weiterentwicklung der Qualität in der Kindertagesbetreuung und zur Entlastung der Eltern bei den Gebühren – davon entfallen rund 1,2 Milliarden auf das Land NRW. Vor kurzem gab es schon einen Warnhinweis von den Spitzenverbänden, dass dieses Geld wohl ab 2023 nicht mehr fließen wird… und so stellen sich für Kommunen und Träger bange Fragen, wie die ohnehin bescheidenen Qualitätssteigerungen weiterhin auskömmlich finanziert werden können.

Seit einiger Zeit treiben Wörter wie „Gaskrise“, Gas-Notstand und Gas-Umlage vielen  Menschen in unserem Land den Angstschweiß existenzieller Nöte auf die Stirn. Armutsbetroffene Menschen, Rentner*innen, Student*innen, Hartz-4-Beziehende, Langzeitarbeitslose, Geringverdienende und viele andere mehr wissen nicht, wie sie die unhaltbar steigenden Energie- und auch allgemeinen Lebenshaltungskosten noch bezahlen können sollen.

Dieser Zustand ist für unsere Gesellschaft und den sozialen Zusammenhalt eine riesige Herausforderung. Es ist eine Wanderung auf einem sehr schmalen Grat zwischen Solidarität und Hilfsbereitschaft untereinander auf der einen Seite, wie es z.B. auch nach der Flutkatastrophe im vergangenen Jahr zu spüren war. Und auf der anderen Seite ist die Gefahr für eine Spaltung der Gesellschaft und das Zerbröckeln unserer demokratischen Strukturen akut gegeben durch das unheilvolle Treiben von rechtspopulistischen und querdenkenden Agitatoren. Egal ob gegen die Corona-Maßnahmen, gegen Impfungen, gegen Ukraine-Hilfen oder gegen was auch immer, sie treiben ihre Keile immer weiter zwischen Werte, Normen und demokratische Grundhaltungen, die die Basis unseres Sozialstaates ausmachen.

Und das können und dürfen wir nicht zulassen – nicht als Privatpersonen, nicht als aufgeklärte und mündige Bürger und auch nicht als Christen.

Wir müssen spürbar zusammenrücken und dabei die Schwächsten und Ärmsten in unsere Mitte nehmen. Ich denke, wir werden bis zum Winter noch sehr viele kreative Gedankengänge anstrengen müssen, um  mit dem drohenden Szenario von kalten Wohnungen und mancherorts auch leeren Tellern – mitten in einem der reichsten Länder der Welt – fertig zu werden und Lösungen für akut Betroffene zu entwickeln. Und doch stehen wir insgesamt immer noch beschämend gut da im Gegensatz zu den vielen Notstandsgebieten unserer Erde.

Bezogen auf die  Geschichte vom „Scherflein der armen Witwe“ steht die übergroße Mehrheit von uns eindeutig auf der Seite derer, die von ihrem Überfluss etwas abgeben – ob in der Kirche an den Kollektenboxen oder eben auch im Alltag durch die deutlichen Mehrausgaben bei Lebensmitteln und ganz horrend bei den Energieausgaben. Und trotzdem haben wir noch ein heiles Dach über dem Kopf und leben in einem mehr oder weniger großen Wohlstand.

Auf was Jesus seine Freunde und Freundinnen hinweist, ist die Haltung der armen Witwe. Als Witwe ist sie zu damaliger Zeit auf Sozialgaben angewiesen. Sie hat nichts zu ihrem eigenen Lebensunterhalt beizutragen und ist abhängig von den Gaben auch aus dem Opferkasten des Tempels. Und genau in den legt sie hinein, was sie hat. Gemessen an so manchen anderen Summen nur ein winziger Bruchteil dessen. Aber, darauf weist Jesus hin, sie gibt mehr als alle anderen, denn, sie gibt alles, was sie hat – die anderen hingegen einen Teil von dem, was sie übrig haben. Dies kann sie offensichtlich tun, weil sie ein großes Vertrauen darin setzt, dass ihr geholfen wird – wie auch immer. Jesus sagt, sie hat ihr ganzes Leben Gott anvertraut. Das will er herausstellen und als bemerkenswert wahrgenommen wissen. Ihm ist nicht daran gelegen, die Gaben aus dem Überfluss der anderen zu schmälern, denn die sind ja auf jeden Fall wichtig und wertvoll. Und ohne diese wiederum gäbe es auch keine Unterstützung für die Witwe. Andererseits könnte man auch zwischen den Zeilen lesen, dass vielleicht doch der eine oder andere zumindest deutlich mehr geben könnte und immer noch mehr als genug übrig hätte – Stichworte wie Übergewinnsteuer und Vermögenssteuer waren keine Wörter des damaligen Sprachgebrauchs…

Es geht nicht um das Aufrechnen oder gegeneinander Ausspielen. Jesus lässt beides nebeneinander stehen – aber mit dem deutlichen Hinweis auf das beeindruckende Vertrauen der Witwe. Und in diesem Vertrauen ist sie frei. Niemand wird sie genötigt haben, auch ihr Scherflein abzugeben. Vielleicht sind ihr Stolz und ihre Würde die Motivation für ihr Handeln, vielleicht auch Dankbarkeit, vielleicht auch einfach die Erfahrung: Ich kann mit dem bisschen auch helfen, so wie ich Hilfe erfahren habe und erfahre.

Gerade in Krisen- und Katastrophensituationen spüren – Gott sei Dank – viele, viele Menschen den Impuls zu helfen. Und auch wenn sie vielleicht nicht viel Geld haben, so setzen sie das ein, was sie haben – Zeit, Mitgefühl, Solidarität, Tatkraft, Leidenschaft. Nicht berechnend, sondern frei und unentgeltlich, ehrenamtlich, aus vollem Herzen.

Und auch hier gilt, wie bei so vielen anderen Dingen, jedes bisschen zählt. Das bisschen, was ich als einzelne tue oder gebe, mag für sich genommen gering erscheinen, aber in der Summe von vielen ist es wirksam.

Was wir nicht brauchen können, ist das Schüren von Angst und Bedrohungsszenarien durch Menschen, die solche Krisensituationen ausnutzen, um ihre politischen Ziele rücksichtslos durch Manipulation, Einschüchterung, Drohungen und Gewalt durchzusetzen. Was wir brauchen, ist Vertrauen: Vertrauen in unsere Demokratie und die daraus resultierende Freiheit, das Vertrauen in den wirksamen solidarischen Zusammenhalt unserer Gesellschaft und nicht zuletzt, sondern für uns als Christen vielleicht als allererstes, das Vertrauen in die gemeinschafts- und lebensspendende Kraft, die Gott in und durch uns wirken lässt. Und so können und sollen wir Salz der Erde und als Licht der Welt Vorbild sein.

Einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche wünscht Ihnen und euch

Diakonin Frauke Leist