Evangelische Kirchengemeinde Bedburg-Niederaussem-Glessen
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Angedacht zum 2. Sonntag nach Trinitatis – 26.06.2022

Angedacht zum 2. Sonntag nach Trinitatis – 26.06.2022

Am vergangenen Freitag, dem 24. Juni, war Johannis…

Mich fasziniert Johannes der Täufer, diese Gestalt immer wieder aufs Neue… und natürlich denke ich, in ökumenischer Verbundenheit auch daran, dass er ja auch der Namenspatron unserer katholischen Schwesterkirche in Niederaußem ist, übrigens unter der gleichen Hausnummer: 76. Gewiss, dort Alte Landstraße, hier nun Oberaußemer Straße.

Johannes, dieser Hinweisgeber, der ganz in dieser, seiner Aufgabe, Hinweis in Person zu sein, aufgeht… offensichtlich kein Konkurrenzproblem hat… immer wieder betont er: da wird einer nach mir kommen, und ich bin nicht wert, ihm die Schuhe zu binden… oder wie er sich weigert zunächst, Jesus zu taufen, weil ihm vor Augen steht, Gottes Heilsplan ziele doch eigentlich auf etwas anderes, seine Taufe durch Jesus…oder dann da dieser klassische Satz, wie ich ihn immer wieder auf Latein einst an der Wand der Eingangshalle eines katholischen Studentenwohnheimes in Heidelberg las, aus dem Munde von Johannes über Christus gesprochen: „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen“ (Johannes 3,30)… und, um noch einmal meine Worte vom Beginn des Gottesdienstes aufzunehmen… nimmt das Tageslicht nun auch sukzessive wieder ab, die Länge der Tage, das wahre Licht scheint! Und soll uns immer heller leuchten…

Das wahre Licht scheint, uns entgegen, es soll gegenläufig zum abnehmenden Tageslicht immer deutlicher erkennbar werden… so wie es ja gleichen Sinnes auch in einem gerne gesprochenen Abendgebet heißt: „Lass, wenn des Tages Licht vergeht, das Licht deiner Wahrheit uns leuchten!“

Jetzt mitten im Jahr, in diesen so wirren, ängstigenden, düsteren Zeiten irgendwie… das Licht, das mit Christus in diese Welt gekommen ist, wahrnehmen, sich in diesem, diesem kommenden Licht sehen, gerade jetzt, das kann eine wahrlich trostreiche, hilfreiche Perspektive sein.

Ja, es kommt immer darauf an, in welchem Licht man etwas sieht… wir kennen es schon ganz alltäglich vom Kleiderkauf etwa, da muss man manchmal auch vor das Geschäft gehen – vom Kunst- ins natürliche Licht, und siehe da, Farbe und Stoff wirken plötzlich vielleicht ganz anders.

Viele Lichtinstallationen, so wie sie in den letzten Jahren in Mode gekommen sind, Illuminationen, die „Kölner Lichter“ z.B. oder woran man da immer denken mag, da wird einem buchstäblich vor Augen geführt: mit Licht kann man beeindruckende Effekte erzielen, die Dinge noch einmal ganz neu, anders sehen lassen. Ich denke etwa auch an entsprechende Aktionen im Garten von Schloss Dyck, und, und, und. Es kommt immer darauf an, in welchem Licht man etwas sieht… je nach Licht wirken die Dinge unterschiedlich.

Das Licht, das, wie wir glauben, mit Jesus in diese Welt gekommen ist, das Licht, das von ihm ausgeht, ist das Licht der Barmherzigkeit. Nun, allein in diesem Licht kann ich mich sehen, wie ich wirklich bin. Dieses Licht ist nicht so beschaffen, dass ich unter ihm vor dem, wie es ist, nur die Augen verschließen könnte. Nein, im Licht der Barmherzigkeit, allein darin, vermag ich mich zu sehen, wie ich bin. Und in diesem Licht soll und kann ich auch den Anderen sehen.

In den Evangelientexten gerade jetzt dieser Sonntage nach Trinitatis wird es sehr anschaulich, wie das aussehen kann:

Im Gleichnis vom sogenannten Verlorenen Sohn in Lukas 15 etwa, da ist es gerade das Entgegenkommen des Vaters, welches die Selbsteinsicht laut werden lässt: „Ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir“; das Erste ist das Entgegenkommen des Vaters.

Oder in der Geschichte von der Begegnung Jesu mit dem Zöllner Zachäus: Da ist es Jesu Wunsch, bei diesem zu Gast zu sein, dieser Wunsch, der Zachäus ganz umfassend erkennen lässt, was sich nun auch sonst noch alles ändern soll und muss, und dass er die Hälfte seines Besitzes nun den Armen geben möchte.

Im Licht der Barmherzigkeit allein vermag ich mich zu sehen, wie ich bin. Darin ein Angebot, welches allerdings angenommen werden will; eine große Chance, eine Einladung; ganz im Sinne der Worte Jesu im Wochensprich: „Kommet her zu mir alles, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“

Sich und einander im Licht der Barmherzigkeit sehen… das scheint es mir zu sein! Liebevoll, gnädig, und immer wieder einräumend: es kann sich immer noch etwas ändern, es muss nicht alles bleiben, wie es ist, … ja, es bleibt dabei: jeder Mensch kann sich verändern! Und das ist gut so!

Und dabei ist eins vom anderen gar nicht zu trennen: die Barmherzigkeit Gottes selbst dem Menschen gegenüber, die Barmherzigkeit des einen mit dem anderen, und nicht zuletzt auch die Barmherzigkeit, welche ein Mensch mit sich selber haben kann und soll.

Barmherzigkeit… Wenn ich überlege, wo sie mir bisher begegnet ist, Barmherzigkeit – dann denke ich u.a. an einen früheren älteren Kollegen, der die seltene Gabe besaß, Kritik so zu verpacken, dass man spürte, er meinte es nur gut… so charmant, so liebevoll kam herüber, was da zu sagen war… und dabei doch unmissverständlich… Mein Eindruck war immer: hier ging es nicht ums Rechthaben, sondern rein um Hilfestellung, ohne jeden Falsch… eine seltene Gabe, die dieser ältere Kollege besaß, lange Zeit habe ich sein Geheimnis zu ergründen versucht, habe ihn beobachtet.. und irgendwann ging es mir dann auf; es musste damit zu tun haben, dass er selber um seine Grenzen wusste,.. und dass er sich mit ihnen auseinandergesetzt hatte, es musste damit zu tun haben, dass er sich selber im Tiefsten auf Erfahrung von Barmherzigkeit angewiesen wusste,… und aus solcher Erfahrung wie aus dem Vollen schöpfte, … davon hier weitergab…

Barmherzigkeit – erfahren und gewähren, eins vom anderen gar nicht zu trennen… und doch fällt es uns oft so schwer, das zu akzeptieren, dass gerade sie es ist, die unser Leben gelingen lassen kann… sie, mit all dem, was dazu gehört an Ehrlichkeit, an Hinschauen, aber eben auch an Vergeben und Sich-vergeben-lassen, und Neu- beginnen… und, und, und… hin und her, eine Bewegung, wie Ebbe und Flut, mit Empfangen und Gewähren… immerwährend … Unterbreche ich diese Bewegung, höre ich an einem Punkt auf, so stockt alles, da fließt es nicht mehr, das Leben…, da steckt ich fest, in fixen Bildern, in Borniertheit, in Härte anderen, oder sich selbst gegenüber… es ist im Letzten die uns von Gott her längst zuteilwerdende Barmherzigkeit, welche auch uns barmherzig sein lassen will… so wie umgekehrt meine schon ganz alltäglichen, sagen wir, Versuche von Barmherzigkeit, dieses Üben inklusive gewiss allen Scheiterns, mich nun immer tiefer verstehen lassen will, wie Gott zu mir, überhaupt zum Menschen steht.

Sich selbst, den Menschen, die Welt im Lichte Christi, im Licht der Barmherzigkeit sehen… vielleicht gerade jetzt zum Halbjahreswechsel ein guter Vorsatz, so wie solche Vorsätze ja sonst eher zu Silvester gefasst werden, hier nun eben vielleicht für die zweite Jahreshälfte… inklusive dessen, immer auch erst einmal die Grenzen zu sehen, und doch nicht davon auszugehen, dass damit schon alles gesagt wäre…

Was könnte das heißen, in diesen Zeiten, in denen so viele Fragen offen sind im Blick auf das, was uns gerade die zweite Jahreshälfte womöglich noch bringen wird an politischen Entwicklungen, auch an sozialen Verwerfungen … wie wird es sich entwickeln, das gesellschaftliche Klima, rund um ja schon jetzt einsetzende Verteilungskämpfe…?!

Alles und Jedes im Licht der Barmherzigkeit zu sehen, zumindest zu sehen versuchen, das wäre es, denke ich… sich nicht hart machen, sich nicht verhärten lassen, wie einst Wolf Biermann sang, sondern berührbar bleiben; das, was etwa der andere braucht, zu sehen versuchen, und darauf die richtige Antwort zu geben versuchen, ganz umfassend… wie gesagt, immer damit rechnen, dass sich die Dinge ändern können, dass Menschen sich verändern können, … – zugleich und vor allem aber damit rechnen, dass Gott bleibt, wie er ist, gnädig und barmherzig … oder wie es doch im Lied (eg 454) zu Beginn hieß: dass Gottes Güte, Gottes treu – an jedem Morgen neu.

Einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche wünscht Ihnen ihr Pfarrer Matthias Bertenrath