Angedacht zum 3.Sonntag nach Trinitatis, 28.06.2020

Entschuldigung?!

„Ich entschuldige mich für meine Verspätung…“, so sagte da neulich erst wieder jemand.

Egal, worum es da in der Sache geht, irgendein Versäumnis, irgendeine Nachlässigkeit, irgendein Fehler… ich stolpere immer wieder über diese eigenartige Formulierung, die mir auch selbst immer wieder herausrutscht: Sich selbst entschuldigen, sich selbst entschuldigen wollen… Dabei frage ich mich: Geht das überhaupt?! Sich selbst entschuldigen. Gehören da nicht wenigstens zwei zu.

Bei genauerer Betrachtung wird mir klar: Niemand kann sich selbst entschuldigen. Was dagegen alleine möglich und angemessen ist, ist die Bitte um Entschuldigung, oder um Vergebung. Schuld und das Entschuldigen bzw. Vergeben ist immer ein Beziehungsgeschehen. Nur die von einem Fehlverhalten betroffene Person, ob nun Gott oder Mensch, kann etwas entschuldigen oder Schuld vergeben. Ich habe noch im Ohr, wie da etwa Hannelore Kraft am vergangenen Mittwoch im nordrhein-westfälischen Landtag zum Schluss ihrer bewegenden Rede zum Gedenken an die Loveparade-Katastrophe 2010 in jeder Beziehung angemessen formuliert hat: „Wir bitten die Hinterbliebenen und Opfer um Vergebung!“

Es geht um ein Beziehungsgeschehen. Ganz in diesem Sinn ist von Schuld, Entschuldigung, Vergebung auch die Rede, wenn es in den Worten des Vaterunsers heißt: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“ Mit (dem Versuch) einer Selbstentschuldigung ist dagegen in einem Schuldverhältnis nichts gewonnen – schon gar nicht durch ein im Vorbeigehen mehr oder minder bloß nur vor sich hin gemurmeltes „Tschuldigung“ oder „Ey, sorry, ey…“.

Es braucht den Anderen, der bereit ist, das, was ihm an Unrecht getan worden ist, seinem Gegenüber nicht nachzutragen. Gott macht uns das vor, von dem es im Predigttext des Sonntags heißt, dass er unsere Sünden „in die Tiefen des Meeres werfe“ (Micha 7,19). Christinnen und Christen feiern dieses Geheimnis just am Karfreitag, den man, wie wunderbar, in der englischsprachigen Welt im Übrigen „Good Friday“ nennt.

Niemand kann sich selbst entschuldigen. Und sollte es besser gar nicht versuchen: Er würde sich nur um das vielleicht größte Geheimnis in der Beziehung zwischen Gott und Mensch, aber dann auch Mensch und Mensch bringen, nämlich, dass eben  Vergebung möglich ist: Ein geschenktes Aufatmendürfen, dies Empfinden, nicht festgelegt zu werden auf das, was war – was allerdings, wenn es Sinn machen soll, allen zuteilwerden will. Dass Letzeres manchmal schwer verdaulich ist, weiß schon die Bibel, so wie sie da etwa die Geschichte vom Oberzöllner Zachäus (Lukas 19) und ähnlichen Gestalten erzählt; ja, auch den größten Schurken will am Ende Vergebung gelten, auch denen, auf die wir heute – nicht weniger selbstbetrügerisch (hat vielen doch gestern noch die günstige Wurst aus Massentierhaltung und industrieller Großschlachterei gemundet) mit dem Finger zeigen; Gustav Heinemann wusste schon und warnte: wer mit einem Finger auf den anderen zeigt, zeigt zugleich, genau betrachtet, immer auch mit vier Fingern auf sich selbst…

Da kommt mir Johannes, dessen ebenfalls am vergangenen Mittwoch, dem 24. Juni, d.h. genau auf halber Zeitstrecke zum nächsten Heiligabend, gedacht wurde, in den Sinn. In der bekannten Darstellung des Isenheimer Altars in Colmar zeigt auch er mit dem Finger auf einen anderen, aber nicht auf den im üblichen Sinn schnell ausgemachten Schuldigen, sondern – radikal anders – den Entschulder schlechthin, auf den Gekreuzigten, auf Christus. Johannes, dessen Name interessanterweise übersetzt bedeutet: „Gott ist gnädig“, weist uns darauf hin: wir brauchen gar nicht versuchen, uns selbst zu entschuldigen, wir dürfen und können aber um Entschuldigung bitten! Und diese befreiende Erfahrung machen, vergeben zu bekommen, wie in anderer Richtung auch zu vergeben.

Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen Ihr Pfarrer Matthias Bertenrath