Angedacht zum 4.Sonntag nach Trinitatis, 05.07.2020

Was kann ein Einzelner schon machen?

Was kann ich denn schon ausrichten – gegen all das Böse in der Welt, gegen all die Ungerechtigkeiten, die es gibt.

„Was kann ich schon machen?!“ – diesen Satz kenne ich nicht nur aus der Schule von Schülerinnen und Schülern, auch viele Erwachsene sagen und denken ihn. Und ehrlich gesagt, auch ich selbst ertappe mich bei diesem Gedanken. „Was kann ich denn schon ausrichten?“

Sollen doch erstmal die anderen etwas ändern: Die Politiker, die könnten doch wirklich etwas durchsetzen. Die Lehrerinnen und Lehrer, die könnten doch die Kinder und Jugendlichen zu besseren Menschen erziehen. Sollen doch erstmal die anderen anfangen, wieso ausgerechnet ich?

Im heutigen Predigttext geht es nicht um die anderen. Der Apostel Paulus schreibt seiner Gemeinde in Rom.

Römerbrief, 12. Kapitel, Verse 17-21:17 
Vergeltet Böses nicht mit Bösem. 
Habt anderen Menschen gegenüber stets nur Gutes im Sinn.
18 Lebt mit allen Menschen in Frieden soweit das möglich ist und es in eurer Hand liegt.
19 Nehmt nicht selbst Rache, meine Lieben.
Überlasst das vielmehr dem gerechten Zorn Gottes.
In der Heiligen Schrift steht ja:»›Die Rache ist meine Sache, ich werde Vergeltung üben‹ –  spricht der Herr.«
20 Im Gegenteil:»Wenn dein Freund Hunger hat, gib ihm zu essen.
Wenn er Durst hat, gib ihm zu trinken.
21 Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse mit Gutem! 

Christliche Ethik kurz und kompakt in fünf Versen zusammengefasst. Anweisungen für den Alltag, Möglichkeiten für jeden Einzelnen. Geschrieben damals für die ersten Christinnen und Christen in Rom, aber gültig und aktuell bis heute.

Was kann ein Einzelner schon machen?

Das haben sich die ersten Christinnen und Christen sicher auch gefragt. Angesichts einer brutalen Herrschaft durch die Römer, die gar nicht erfreut waren, dass sich da eine neue religiöse Gemeinschaft gebildet hat. Paulus hat „Böses“ am eigenen Leib erfahren: Anfeindung, Benachteiligung und auch ins Gefängnis musste er für seine Überzeugung. Es waren sicher keine leichtfertig dahin geschriebenen Worte: „Vergeltet Böses nicht mit Bösem.“

Das ist schon eine ordentliche Herausforderung: Wenn mir Böses widerfährt, es dann nicht mit gleicher Münze zurückzugeben. Wenn ich ungerecht behandelt werden, es einfach so hinzunehmen. Aber genau das ist es, was der Einzelne machen kann, in der Schule, im Beruf, in der Nachbarschaft, in seinem Alltag.

Was kann ein Einzelner schon machen?

Viel – und doch nicht alles!

In den Versen 18 und 19 führt Paulus das genauer aus. Er ermutigt: Handelt im Rahmen Eurer Möglichkeiten, seid friedfertig – „soweit es Euch möglich ist“.

Es ist nicht immer einfach friedfertig zu bleiben, gerade wenn man ungerecht behandelt wird und man gerne Rache nehmen würde.

Paulus aber sagt: „Nehmt nicht selbst Rache!“ – Immerhin, da steht nicht, „Nehmt nicht Rache“. Da ist Paulus Realist.

Rache ist ein allzu menschliches Gefühl von dem sich niemand frei sprechen kann. Aber Sühne und Rache ist Gottes Sache und nicht die von uns Menschen. Also keine Selbstjustiz, auch wenn ich noch so wütend und rachsüchtig bin. Trotzdem darf ich Gedanken und Gefühle der Rache haben – das ist auch entlastend.

Was kann ein Einzelner schon machen?

Viel – und doch nicht alles! Manches bleibt Gott überlassen.

Was kann ein Einzelner schon machen?

Ein Einzelner kann viel bewirken !

Der Bibeltext spricht am Ende von Siegen und Besiegen. Das sind Kategorien, in denen wir gewohnt sind, zu denken. Entweder „Winner oder Looser“. So denken nicht nur Jugendliche. Wenn ich mich nicht wehre, nicht zurückschlage mit Worten oder Taten, dann habe ich „geloost“.

Diesen Gedankengang will Paulus unterbrechen und greift dabei zurück auf Worte Jesu, so wie er sie ähnlich in der Bergpredigt formuliert hat und wir sie auch in dem Lesungstext bei Lukas gehört haben.

Jesus ist ein Meister der Deeskalation und Irritation. In Gleichnissen, in Gesprächen, in seinem Handeln konfrontiert Jesus uns mit ungewohnten Sichtweisen: Wo wir oft nur zwei Wege sehen, eröffnet er eine neue Perspektive, eben nicht nur „Winner“ oder „Looser“. Zwischen „sich ducken oder zurückschlagen, zwischen kleinkriegen lassen oder ganz groß rauskommen“ findet er den „Dritten Weg“.

„Der dritte Weg“ – das ist auch der Titel eines Gedichtes von Dorothee Sölle.

"Wir sehen immer nur zwei Möglichkeiten
selber ohne Luft sein oder anderen die Kehle zu halten
Angst haben oder Angst machen
Geschlagen werden oder schlagen

Jesus, du hast eine andere Möglichkeit versucht
und deine Freunde haben sie weiterentwickelt

sie haben sich einsperren lassen
sie haben gehungert
sie haben Spielräume des Handelns vergrößert

Lasst uns die neuen Wege suchen"

Jesus war ein Einzelner – und doch er hat viel verändert. Er hat Menschen zum Nachdenken gebracht und damit nachhaltig beeindruckt. Jesus hat nach anderen Möglichkeiten und Wegen gesucht mit Erfahrungen des Bösen und der Ungerechtigkeit in der Welt umzugehen.

„Überwindet das Böse mit Gutem“ – und seid dabei einfallsreich! – das ist auch ein Gedanke Jesu. Denkt nicht nur in den Kategorien „looser“ oder „winner“. Begegnet einander auf Augenhöhe und sucht nach Wegen, eines gelingenden Miteinanders.

Was kann ein Einzelner schon machen?

Was kann ich denn schon ausrichten – gegen all das Böse in der Welt, gegen all die Ungerechtigkeiten?

Nicht alles – aber sehr viel – wenn ich bei mir anfange und nicht darauf warte, dass erstmal die anderen beginnen…

Einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche

wünscht Ihnen Pfarrer Thomas vom Scheidt

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