Angedacht zum 6. Sonntag nach Trinitatis 19.07.2020

Denn du bist ein heiliges Volk dem Herrn, deinem Gott. Dich hat der Herr, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind. Nicht hat euch der Herr angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern –, sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. Darum hat der Herr euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten. (5. Mose 7, 6-8)

Dass Gott gerade das nach menschlichen Maßstäben Kleine erwählt, das Unscheinbare, Geringe, es hat Tradition…

Denken wir an Weihnachten: da am Rande der Welt, in Bethlehem, wird Jesus geboren, in schäbigsten Verhältnissen der Retter der Welt…

Denken wir an so manchen Propheten, der sich selbst kaum für geeignet hielt für die ihm zu übertragende Aufgabe, oder an David, welcher beinahe übersehen wurde, als Samuel unterwegs war mit dem Auftrag, einen König für Israel zu salben…

Denken wir, wie hier, an die Erwählung Israels selbst, dieses im Vergleich zu seinen Nachbarn so kleinen und unbedeutenden Volksstammes…

Es hat Tradition, dass Gott, das nach menschlichen Maßstäben Kleine, Unscheinbare, Geringe erwählt… denn damit wird in besonderer Weise die Voraussetzungslosigkeit der Liebe Gottes offenbar. Alles liegt hier an Gott, dem auf Seiten des Menschen nur Hingabe, Offenheit, Vertrauen entsprechen können und sollen.

Genau da liegt allerdings auch schon wieder der Haken: denn zu akzeptieren, dass es sich so verhält, fällt uns oft so erschreckend Gernegroßen gar nicht so leicht. Uns, die wir uns lieber selbst bespiegeln, als uns ganz einfach von Gott gnädig und liebevoll angesehen sein zu lassen; uns, die wir viel zu oft meinen, wir müssten „noch wer weiß was“ werden, statt zu erkennen, dass wir längst „wer“ sind: Gottes geliebte Geschöpfe; einfach nur uns gefallen zu lassen, dass Gott auch bei uns aus Letzten Erste macht.

Ganz in diesem Sinne ruft Paulus etwa zu Beginn des Korintherbriefes den Christinnen und Christen in Korinth zu: Seht auf eure Berufung! Denkt zurück an den Anfang! Und verdunkelt das Geheimnis eurer Erwählung durch Gott nicht dadurch, dass ihr meint, euch selbst noch groß machen zu müssen – mit allen negativen Folgen, die das doch haben muss; nein, ihr seid schon „wer“, längst höchst angesehene Leute bei Gott!

Gerade als solche, die sich das gefallen lassen, braucht Gott uns in dieser Welt; als in solchem, im besten Sinne Demütige, nicht Hochmütige; als solche, die nun auch ihrerseits das Kleine nicht übersehen, sondern zu Ehren bringen; als solche, die in dieser oft so von Härte und Stolz gezeichneten Welt auch ihrerseits auf die Liebe setzen und für die Liebe werben, die sich nicht beteiligen an so manchem irren Wettstreit in dieser Welt, der doch nur auf Kosten Dritter geht; Gott braucht uns als solche, die sich vor allem als von ihm geliebte Menschen sehen.

In einmaliger Weise kommt, worum es geht, in der christlichen Taufe zum Ausdruck: dass Gottes Ruf, Gottes Liebe den Menschen zu dem macht, der er ist. Um dann höchstens immer mehr zu werden, welcher er längst ist.

Dass der Mensch im entscheidenden längst „wer“ ist, und von daher ganz entspannt erst einmal darauf verzichten kann, noch „wer weiß was“ werden zu wollen (und dabei möglicherweise jede Menge Schaden anzurichten oder sich in irgendwelche – erneute – Knechtschaft zu begeben), kommt in einer meiner Lieblingsgeschichten von Peter Bichsel auf eigene und, wie ich finde, recht zauberhafte Weise zur Sprache:

„Am Hof gab es starke Leute und gescheite Leute. Der König war reich und mächtig. Die Frauen waren schön und die Männer mutig, der Pfarrer war fromm und die Küchenmagd fleißig. Nur Colombin, Colombin war nichts. Wenn jemand sagte: „Komm, Colombin, kämpf mit mir!“, sagte Colombin: „Ich bin schwächer als du!“ Wenn jemand sagte: „Wie viel gibt zwei mal sieben?“, sagte Colombin: „Ich bin dümmer als du!“ Wenn jemand sagte: „Getraust du dich über den Bach zu springen?“, sagte Colombin: „Nein, ich getraue mich nicht!“ Und wenn der König fragte: „Sag, Colombin, was willst du werden?“, antwortete Colombin: „Ich will nichts werden, ich bin schon wer, ich bin Colombin!“ (aus Peter Bichsel: Kindergeschichten)

Einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche wünscht Ihnen

Ihr Pfarrer Matthias Bertenrath

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