Evangelische Kirchengemeinde Bedburg-Niederaussem-Glessen
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Angedacht zum 6. Sonntag nach Trinitatis – 24.07.2022

Angedacht zum 6. Sonntag nach Trinitatis – 24.07.2022

Manchmal spüren wir zwar irgendwie schon, dass sich etwas ändern müsste, und was eigentlich nicht bleiben kann, wie es ist… Und dann halten wir doch erstaunlich lange fest am Gewohnten, können uns erst einmal nicht lösen von Umständen, so wenig gut uns diese womöglich längst auch tun mögen… oft können wir erstaunlich lange, wie man so sagt, das richtige Leben im falschen suchen…, und ignorieren, dass es das doch nicht geben kann… oder lassen die Dinge einfach laufen, auch wenn es noch so schief läuft, beharren, halten aus, denken, gemäß dem „Kölner Grundgesetz“, es ist doch auch bisher alles noch immer gut gegangen, … selbst dann, wenn längst nichts mehr gut ist… manchmal können wir erstaunlich lange in die falsche Richtung laufen, nur nicht innehalten, schon gar nicht andere dem Weg fragen.., oder sich gar eingestehen müssen, dass Umkehr nötig…

Ich denke, wir kennen das wohl alle mehr oder weniger: manchmal gibt es da irgendetwas, was man sich vor langer Zeit vielleicht einmal geschworen hat, und was einen immer noch gefangen nimmt, obwohl es eigentlich vielleicht längst durch ist… Und immer wieder sind da natürlich einfach auch nur Gewohnheiten, auch Zwänge, denen man unterliegt… oder alte Schuldgeschichten… oft meint man, vielleicht ja auch irgendetwas besser machen zu müssen als die Vorfahren, manchmal sind da Aufträge etwa aus der Familiengeschichte, die da noch zu erledigen scheinen, obwohl sie inzwischen aus der Zeit gefallen… ja, es ist schon erstaunlich, wie lange wir Menschen gerade solche alten Aufträge abzuarbeiten versuchen können, zu erfüllen versuchen, was Eltern, Familien Tradition, wer auch immer, da schon dem Kind in die Seele geschrieben hat…

Doch ist dabei die Frage ja: Bei aller Liebe zur Ursprungsfamilie hier auf Erden, wessen Sohn, wessen Tochter bin ich wirklich, und was könnte es bedeuten, Bruder oder Schwester Jesu zu sein…  was meine Bestimmung, wenn ich mich erst einmal als Gotteskind ernstnähme?

Wie gut darum, immer wieder die Erinnerung an Gottes unbedingtes „Ja“ zu mir … ein Ja, das allem vorweg gilt, was immer auch passiert und mir widerfährt, und wie erbärmlich ich mich in manchem Moment meines Lebens vielleicht auch fühlen mag…, das Ja Gottes zu mir gilt! Er hat immer noch etwas vor mit mir, Besseres, braucht mich… er kennt mich und hat mich lieb, er „kennt auch dich und hat dich lieb“, wie es im geistlichen Volkslied „Weißt du, wieviel Sternlein stehen“ heißt… und weil das so ist, trage ich an meinem Schicksal auch nie allein, sondern trägt er längst mit, und selbst in Situationen, in denen für mich etwas zuende geht, er fängt immer noch etwas neues mit mir an, immer noch Besseres vor mit mir, ganz gewiss… ja, gerade als Getaufter, als Getaufte, darf ich mich ganz von der Zukunft her sehen, von der der Zukunft her, welche Gott für mich will…

So lese und höre ich den Predigttext für den 6. Sonntag nach Trinitatis, aus dem Römerbrief, Kapitel 6, die Verse 3-8. Paulus schreibt:

Wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln. Denn wenn wir mit ihm verbunden und ihm gleichgeworden sind in seinem Tod, so werden wir ihm auch in der Auferstehung gleich sein. Wir wissen ja, dass unser alter Mensch mit ihm gekreuzigt ist, damit der Leib der Sünde vernichtet werde, so dass wir hinfort der Sünde nicht dienen. Denn wer gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde. Sind wir aber mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden.

Paulus spricht hier von der notwendigen Erinnerung an die Taufe – als Erinnerung an die Kraft Jesu, des Messias, eine Kraft, die uns niemals verlässt.

Gewiss, der Sünde, oder, wie man auch sagen könnte, der Zielverfehlung unseres Lebens in ihren so ganz verschiedenen Gestalten, dieser Zielverfehlung den Abschied geben, das ist schnell auch schmerzhaft – denn da braucht es den erst einmal oft schmerzhaften Blick zurück, da stirbt immer auch etwas, und wenn es die Illusion ist, die man sich da bisher über sich selbst gemacht hat. Zugleich gilt: Wirkliches Neu-werden,  das vollzieht Sich eben doch nur …in diesem Zweischritt: in Tod …und Auferstehung. Darum: Erinnerung an die Taufe – die ist für Paulus hier so zentral: der Tod der Sünde, dieses der Sünde Sterben – wofür bei der Taufe ursprünglich das Untertauchen steht, und das aus dem Wasser Hervorkommen, das steht für das Auferstehen zum Leben… Alle Mächte, die mich in den Bann ziehen, die mich versklaven, mich in die Irre führen wollen, im Letzten sind sie bereits entmachtet… längst gehöre ich doch einem Anderen, der Besseres für mich im Sinn hat, der mich, mit Hanns Dieter Hüsch gesprochen, vergnügt, erlöst, befreit will. Unter Berufung auf diesen Anderen, Gott, kann ich widerstehen, bin ich im Letzten nicht ausgeliefert, nicht irgendwelchen gesellschaftlichen Verhältnissen, vermeintlichen Sachzwängen, oder Intrigen und Machtspielen Anderer… Nein: egal, in was ich persönlich oder geschichtlich eingebunden und verwickelt bin – dass Jesus, der Messias sich längst mit mir verbunden hat, mir beisteht, das geht tiefer, reicht weiter, wiegt schwerer als alles, was mich bedrohen, beschweren, kränken, binden könnte… Im Namen Jesu bin ich frei, mein (!) Leben, mein Leben zu suchen, und zu führen, so, wie er es für mich bestimmt hat – nichts und niemand sonst hat da letzten Anspruch auf mich; nicht meine Vergangenheit, nichts, was mir selbst eingebrockt habe, aber auch nicht das, was andere mir vermeintlich eingebrockt haben und was ich meine endlos auslöffeln zu müssen… im Namen Jesu, in der Kraft des Messias, im Geiste der Bergpredigt: Anders leben. Sich in Liebe üben, mit Gott als Beistand selig werden, glücklich, mehr wagen im Vertrauen auf Gott…

„Wenn die Raupen wüssten, was einmal sein wird, wenn sie erst Schmetterlinge sind, sie würden ganz anders leben: froher, zuversichtlicher, hoffnungsvoller…“, so brachte es Heinrich Böll auf den Punkt.

Kaum zu glauben, dass sie zusammengehören: die Raupe, die sich durch die Blätter frisst (manch einer denkt dabei vielleicht an das Kinderbuch von der Raupe Nimmersatt) und der Schmetterling, der am Sommerflieder von Blüte zu Blüte fliegt. Kaum ein eindrücklicheres Bild für Verwandlung, als wenn da der Schmetterling wie ein völlig neues Wesen der leblosen Hülle entschlüpft. Da diese geheimnisvolle Metamorphose… oder anders gesagt: ein Schmetterling ist doch mehr als eine fliegende raupe. Er ist ein neues Geschöpf!

So auch wir da, wo wir uns als Gottes Kinder nicht im Schatten der Vergangenheit, sondern ganz im Licht der Zukunft sehen.

Einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche wünscht Ihnen Ihr Pfarrer Matthias Bertenrath

Als Lied zum 6. Sonntag nach Trinitatis ein neueres und wunderbares Lied von Okko Herlyn (freitöne 134):

1.Ich sage Ja zu dem, der mich erschuf. / Ich sage Ja zu seinem Wort und Ruf, / zum Lebensgrund und Schöpfer dieser Welt, / und der auch mich in seinen Händen hält.

2.Ich sage Ja zu dem, der uns gesandt / und aus dem Tod zum Leben auferstand / und so trotz Hass, Gewalt und Menschenlist / für uns zum Freund und Bruder worden ist.

3.Ich sage Ja zu Gottes gutem Geist, / zum Weg der Liebe, den er uns verheißt, / zu wagen Frieden und Gerechtigkeit / in einer Welt voll Hunger, Angst und Leid.

4.Ich sage Ja zu Wasser, Kelch und Brot, / Wegzehrung, Zeichen, Zuspruch in der Not. / Ich sage Ja und Amen, weil gewiss: / Ein andres Ja schon längst gesprochen ist.