Angedacht zum 7. Sonntag nach Trinitatis, 26.07.2020

„Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.” (Hebräer 13,2; aus dem Predigttext des Sonntags)

Ich kann diesen Vers nicht lesen, ohne an eine Begebenheit zu denken, die gerade einmal ein paar Wochen zurückliegt. Da klingelte irgendwann Ende Mai mein Telefon, am anderen Ende der Leitung Annika, eine Abiturientin und zugehörig zu einer Kirchengemeinde in einem benachbarten Kirchenkreis; so stellte sie sich vor, und auch ihr Anliegen: nach den letzten Abiklausuren, so sagte sie, wolle sie eine Radtour machen über einige Tage, und ob sie da an einem bestimmten Abend in Niederaußem im Gemeindezentrum ihre Isomatte ausbreiten und dort übernachten dürfe?! Spontan konnte ich mir das durchaus vorstellen, fragte bei uns herum, ob dem irgendetwas entgegenstünde, sprach dann aber auch mit meiner Frau, und wir kamen gemeinsam zu dem Schluss, dass die junge Frau dann wohl doch besser in unserem Gästezimmer aufgehoben sei. Beim Rückruf zwei Tage später schlug ich ihr das so vor, und sie nahm die Einladung gerne an, auch wenn sie, wie sie sagte, dafür einen kleinen Umweg in Kauf nehmen müsste.

Schon bevor Annika dann Mitte Juni an einem frühen Samstagabend bei uns in Bedburg vorradelte, war ich irgendwie ganz angetan: Ich fand das Vorgehen der jungen Frau beeindruckend, kreativ, eine gute Idee, hier einfach beim Pfarrer anzurufen und …`mal zu fragen; ja, ein bisschen wie ein Experiment, eine kleine Mutprobe, so erschien mir ihr Projekt. Und mir war klar: solcher Mut müsse belohnt werden. So waren meine Frau und ich gespannt auf unseren Besuch, wir freuten uns bereits im Vorfeld – „Engel beherbergen…“ so, schoss es mir irgendwann durch den Kopf, das war doch bereits eine biblische Idee und Verheißung…

Und so war es dann auch, ganz wunderbar! Dieser Besuch war ein Geschenk! Plaudern beim gemeinsamen Abendessen. Erzählen aus dem Leben hin und her. Hören von den Erfahrungen an den zurückliegenden Tagen auf der Tour: wie Annika da immer mal wieder an irgendwelchen Haustüren geklingelt hatte, um Wasser für Ihre Trinkflasche zu erbitten, und wie positiv da die Menschen in der Regel reagiert hatten – auf solche entwaffnende Freundlichkeit, solch  entwaffnendes Vertrauen hin; das alles so inspirierend, ermutigend, auch selbst einmal wieder etwas in dieser Richtung auszuprobieren; auch Erinnerungen auslösend an frühere eigene positive Erfahrungen, wie ich da – was ich nie vergessen werde – im Bergischen in der Adventszeit einmal mit dem Auto auf freiem Feld in Schneeverwehungen steckengeblieben war, und dann spätabends bei wildfremden Menschen ganz überraschend höchst freundliche Aufnahme erfuhr für die Nacht…

Dankbar, bereichert, ja, ich möchte sagen, gesegnet, durch die von Anfang bis Ende so wunderbare Begegnung mit Annika, so ließen wir sie dann am nächsten Morgen nach dem Frühstück, wenn auch ein wenig schweren Herzens, weiter fahren Richtung Köln.

Gerne haben meine Frau und ich uns dann in der Folgezeit erinnert, und wir haben es in der Tat so empfunden: dass wir da einen Engel beherbergt hatten; einen Engel, der uns vielfältig inspiriert hat, nicht zuletzt uns schon etwas Ältere dazu , auch vielleicht mal wieder etwas mehr zu wagen, Vertrauen zu wagen, ganz alltäglich.  

Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.” (Hebräer 13,2).

Ich lese diese Aufforderung als eine Aufforderung zu Offenheit, letztlich zur Offenheit Gott gegenüber. Leben wir doch stets von dem, was uns zukommt. Letztendlich von dem Segen, der über uns kommt; wie und wodurch auch immer vermittelt. Gerade die Gastfreundschaft, sie kann uns Entscheidendes lehren, über das Vertrauen, hin und her, und dass es trägt.

Nicht zuletzt wirft die Aufforderung hier aber natürlich auch die Frage auf an uns als Gemeinde: wie gastfreundlich sind wir eigentlich als Gemeinde?! Was tun wir dafür, dass andere sich bei uns wohlfühlen?! Wieviel Interesse ist da, wie gehen wir aufeinander zu?! Überlassen wir das alles dem Zufall, nach dem Motto: schauen wir mal, wie es sich ergibt, oder schaffen wir entsprechende Strukturen?! Was bedeutet es, dass gerade im Anderen, im zunächst Fremden Gott selbst uns begegnen will, einschließlich  auch aller doch so nötigen bereichernden Infragestellung?!

Wir verpassen so viel, wo wir die Gastfreundschaft vergessen. Und kann man wirklich darauf verzichten wollen, Engel zu beherbergen?!

Einen gesegneten Sonntag und eine Woche mit vielen guten Begegnungen wünscht Ihnen  Ihr Pfarrer Matthias Bertenrath

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