Angedacht zum Buß- und Bettag 18.11.2020

George W. Bush, Barack Obama und Donald Trump sind gestorben und stehen vor Gott. Gott fragt Bush: „Woran glaubst du?“ Bush: „Ich glaube an den freien Handel, ein starkes Amerika, die Nation.“ Gott ist beeindruckt: „Komm zu meiner Rechten.“ Gott wendet sich an Obama: „An was glaubst du?“ Obama: „Ich glaube an die Demokratie, an die Hilfe für die Armen, an den Weltfrieden.“ Gott ist sehr beeindruckt und sagt: „Setz dich zu meiner Linken.“ Dann fragt er Trump: „Was glaubst du?“ Trump: „Ich glaube, du sitzt auf meinem Stuhl.“

Liebe Gemeinde,

Was einen Machtmenschen auszeichnet, an Trump konnte und kann man das beispielhaft sehen: aufgeblasenes Ego bis zum Anschlag, Behauptungen bar jeder Realität, Rücksichtslosigkeit und, und, und. Aber machen wir uns nichts vor; auch wenn Trump natürlich extrem ist, ein bisschen Trump steckt sicher in uns allen, und von daher sind Witze, wie der eben zitierte, natürlich auch immer ein bisschen billig. Bei allen graduellen Unterschieden, grundsätzlich sind wir, so glaube ich, nicht besser als Trump, sind so oder so Machtmenschen allemal. Vielleicht muss uns nur hin und wieder der Spiegel vorgehalten werden.

Ein Machtmensch war einst auch David, von dem die Bibel schonungslos so berichtet: … Es war Abend geworden und David ging auf der Terrasse seines Penthouses auf und ab und blickte herab auf die Häuser der Stadt. Es war einer jener warmen Abende, an denen die Stadt pulsierte und die Leute auf den Dachgärten ringsherum das Leben genossen. Als er die Frau sah, spürte er ein Begehren, das ihn nicht mehr losließ. Sie war so schön anzusehen, als sie da auf dem Dach ihres Hauses badete und sich wusch, dass er nur noch eines wollte: sie haben. Ja, er war gewohnt zu bekommen, was er begehrte. Also ließ er sie holen – eine verheiratete Frau. Und nahm sich, wonach es ihm war. Sie wird schwanger. Er will sie ganz. Ihren Ehemann lässt er beseitigen. Und nach Ablauf der Trauerzeit muss sie ihn heiraten.

Ein richtig mieser Typ, der das getan hat. Und dieser miese Typ ist der Autor, dem Psalm 51 zugeschrieben wird. Seine Worte sind die Worte, an denen wir heute am Buß- und Bettag unser Nachdenken orientieren wollen.

„Gott, sei mir gnädig nach deiner Güte, und tilge meine Sünden nach deiner großen Barmherzigkeit. Wasche mich rein von meiner Missetat, und reinige mich von meiner Sünde, denn ich erkenne meine Missetat, und meine Sünde ist immer vor mir. Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz, und gib mir einen neuen, beständigen Geist. Verwirf mich nicht von deinem Angesicht und nimm deinen Heiligen Geist nicht von mir. Erfreue mich wieder mit deiner Hilfe, und mit einem willigen Geist rüste mich aus.“.

Dass wir so konkret etwas über die Lebensumstände erfahren, aus denen ein Psalm stammt, ist einmalig in der Bibel. Und dass Worte, die wir so hochhalten wie Psalm 51, von einer solch fragwürdigen Gestalt stammen, haben wir auch selten. 

„Ein Psalm Davids“, heißt es am Anfang, „vorzusingen – am Ende, da der Prophet Nathan zu ihm kam, nachdem David zu Batseba eingegangen war.“

Die Geschichte vom König David, dem legendären König Israels, und der schönen Batseba gehört zu den großen „sex and crime“-Geschichten der Bibel. Machtmissbrauch, Selbstsucht, Untreue, Gewalt, Rücksichtslosigkeit mögen  uns nicht immer in solcher filmreifer Drastik begegnen – aber wir kennen sie, wie gesagt bis heute. Und wir kennen die Folgen, die das alles hat, wie dadurch Leben, Beziehungen vergiftet, verletzt, zerstört, gerade auch Dritte, zunächst Unbeteiligte ins Unglück gestürzt werden.

Nun ist der Bußpsalm von König David das Dokument einer Gewissenserforschung und – schulung. Vielleicht hat der König David im Innersten seins Herzens ganz genau gewusst, welch übles Spiel er da spielte, wie drastisch er mit seinem Verhalten gegen die Leitplanken eines guten, erfüllten  Lebens verstieß, wie sehr sein Verhalten in die Sackgasse führte. Vielleicht hat er es innerlich gespürt. Aber es musste erst ein Mann Gottes, der Prophet Nathan kommen, um es ihm zu Bewusstsein zu bringen. Denn der Prophet wagt es, den König zu konfrontieren.

Und jetzt kommt das eigentlich Erstaunliche, das wirklich Spannende: Der König versteht. Der mächtigste Mann Israels lässt sich von dem Propheten ins Gewissen reden. Er erkennt, was er getan hat. Er versteht, in welche Sackgasse ihn das geführt hat.

Und er spricht die Worte des Psalms. Bittet um Gnade, um ein reines Herz und einen neuen Geist.

David kann nichts mehr tun, um sein Fehlverhalten wieder gut zu machen. Er kann sich nur in die Arme Gottes werfen. Er wäre verloren, wenn es diese Arme nicht gäbe. Wenn es nur die Option gäbe zu verdrängen und zu leugnen – oder aber an der eigenen Schuld zu zerbrechen.

„… ich erkenne meine Missetat und meine Sünde ist immer vor mir…“ – dass das kein Selbstgespräch ist, sondern ein Gespräch mit Gott, das lebensrettend ist. Denn Gott kann vergeben. Gott kann reinigen. Gott kann ein reines Herz schaffen. So wie aber auch nur zuvor bekannte Schuld vergeben werden kann!

Wie gut, dass es die Arme Gottes gibt, in die wir uns werfen können, wenn wir unsere Missetaten erkennen. Wie König David stehen wir da, jede und jeder mit seiner eigenen Geschichte. Mit leeren Händen vor Gott. 

Das ist das Faszinierende an der Buße: gerade da, wo wir anerkennen, wo wir bekennen, dass wir in einer Sackgasse gelandet sind, geht es weiter! Das ist im persönlichen Leben so und es ist so in der großen Politik.

Man kann das schön sehen an dem wohl wirkmächtigsten öffentlichen Bußakt der jüngeren Geschichte: Der Kniefall des damaligen deutschen Bundeskanzlers Willy Brandt in Polen vor dem Ehrenmal des Warschauer Ghettos am 7. Dezember 1970, also in diesem Jahr, in wenigen Tagen vor genau 50 Jahren,  hat nicht nur die deutsche Politik verändert, sondern die Weltpolitik. Das Aufrechnen der jeweiligen Verletzungen zwischen Ost und West im Kalten Krieg war in eine Sackgasse geraten.

Und nun kniete der deutsche Bundeskanzler vor dem Ehrenmal spontan nieder und verneigte sich damit vor den Opfern deutscher Gewaltherrschaft. Eine Geste der Demut. Eine Geste der Buße. Und genau darin eine souveräne Geste.

Diese Geste hat die Welt verändert. Sie war der Weg aus der Sackgasse der Ost-West-Konfrontation. Sie war der symbolische Ausdruck einer Bereitschaft zur Versöhnung, die zur Grundlage der Entspannungspolitik wurde und am Ende   in das vereinigte Deutschland, in ein neues Europa mündete.

Allenthalben könnte sie hilfreich sein, solche Buße, schon im kleinen, die ganz einfache Bitte um Entschuldigung (genau so, als Mehr-Wort-Satz, und nicht als mehr oder weniger dahingeworfenes „Tschuldigung!“), aber eben auch im Sinne öffentlicher Buße. 

Dieser Tage geht es in den Nachrichten verstärkt wieder um  Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche. Manche haben den Eindruck, da wird mehr versucht, unter den Teppich zu kehren, statt öffentlich Schuld und Versagen, gerade dann auch der kirchlichen Aufsicht einzugestehen. Im Blick auf die aktuelle Corona-Pandemie gibt es schon laufend, und dann sicher auch rückblickend die Punkte, wo kritisch hingeschaut und eben auch Versagen eingestanden werden muss. Auch von uns als evangelischer Kirche: wo wir hätten mutiger bekennen, mutiger hätten handeln müssen. Oder denken wir gesamtgesellschaftlich an die Art unseres Wirtschaftens, all das, was etwa die Fridays-for-Future-Bewegung, mit Greta Thunberg vorneweg, so eindrücklich   in den letzten anderthalb Jahren noch einmal angeprangert hat: unseren Raubbau an der Schöpfung, unser Leben auf Kosten Anderer, unsere ganze Ignoranz an dieser Stelle… unser verhalten wider alles besere Wissen.

Der König David war in Israel der mächtigste Mann seiner Zeit. Er hat als Mensch und Politiker schließlich, nach vielen Fehlern erst verstanden, dass „Gott lieben“ heißt, das Recht zumal der Schwachen zu schützen.

Niemand hat einen genauen Bauplan für eine Weltwirtschaft, in der alle in Würde leben können. Aber der Bußtag kann der Ort dafür sein, uns dazu zu verpflichten, dass wir den jetzigen Zustand nie und nimmer hinnehmen. Dass wir unsere Energien zukünftig zuallererst darauf richten, dass nicht nur wir, sondern alle Menschen leben können.

Wie gesagt ich denke, dass wir grundsätzlich alle gar nicht besser sind als Trump, auf den sich leicht mit dem Finger zeigen lässt. Aber, wie sagte schon Gustav Heinemann – immer wieder gerne von mir zitiert – sagte einst: wer mit dem Finger auf einen anderen zeigt, zeigt zugleich mit vier Fingern auf sich selber.

Es hat seinen guten Sinn, dass der Bußtag auch Bettag heißt. Weil „Buße“ heißt: Umkehr zu Gott. Ein Flüchten hin zu ihm, ein sich ihm ganz in die Arme werfen, rückhaltlos, gar nicht so viel anders, wie es im besten Falle ein Kind kennt gegenüber seinen Eltern, … mit der hier nun an Gott gerichteten Bitte um seine Liebe und die Gewährung eines echten Neuanfangs: „Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz, und gib mir einen neuen, beständigen Geist. Verwirf mich nicht von deinem Angesicht und nimm deinen Heiligen Geist nicht von mir. Erfreue mich wieder mit deiner Hilfe, und mit einem willigen Geist rüste mich aus.“.

Eine gute gesegnete weitere Woche wünscht Ihnen

Ihr Pfarrer Matthias Bertenrath

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