Angedacht zum Drittletzten Sonntag des Kirchenjahres – 8.11.2020

„Ach, lass mich doch in Ruhe!“ Immer wieder wehren wir Andere in unserem Alltag in dieser Weise ab. In Momenten etwa, in denen wir uns irgendwie überfordert fühlen, manchmal auch mit neuen Einsichten über uns. In Momenten etwa, in denen etwas von uns verlangt zu werden scheint, was wir, so meinen wir, gar nicht leisten können. In Momenten etwa, wo wir Begrenztheiten sehr deutlich spüren und uns alles zu viel scheint, woran es liegt aber oft auch noch gar nicht so ganz klar haben. „Ach, lass mich doch in Ruhe!“ Ich denke, wir alle kennen solche Momente, in denen wir am liebsten nichts mehr hören und sehen und nichts mehr sagen möchten…,   in denen wir uns am liebsten verkrümeln würden … in eine Art Schmollwinkel, bis zum totalen Realitätsverlust; so ist das immer wieder im Miteinander, und so ist es, wie sich bei Hiob sehen lässt, manchmal auch Gott gegenüber:

Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und fällt ab, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht. Doch du tust deine Augen über einem solchen auf, dass du mich vor dir ins Gericht ziehst. Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer! Sind seine Tage bestimmt, steht die Zahl seiner Monde bei dir und hast du ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreiten kann: so blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut. (Hiob 14,1-6)

„Ach,  lass mich doch in Ruhe, Gott!“ – ziemlich entnervt klingt Hiob… Er hat augenscheinlich genug von einem Gott, der ihn zu überfordern scheint, der doch eigentlich wissen müsste, dass er nicht aus seiner Haut heraus kann, wie es um ihn steht. Der Veränderungen verlangt, zu denen Hiob sich nicht in der Lage sieht. Pauschal wehrt Hiob ab und fragt nur noch rhetorisch: „Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen?“ Das Beste, so Hiob zu Gott, wäre, du lässt mich einfach in Ruhe! Bis auf weiteres! im Englischen hieße das wohl: „Leave me alone, God!“

Nun, ich glaube, das Beste ist ja gerade, dass Gott uns Menschen, so sehr wir uns das manchmal vielleicht auch wünschen, nicht in Ruhe lässt, uns nicht einfach allein lässt, nicht einfach alles beim Alten lässt bei uns, sondern uns immer wieder mit seiner Gegenwart überrascht. Der ursprüngliche Spruch für die Woche ab dem heutigen drittletzten Sonntag des Kirchenjahres weist darauf hin: : „Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils“ (2. Korinther 6,2)

Gerade in Situationen, die wir klassisch aus welchen Gründen auch immer erst einmal als Überforderungssituationen wahrnehmen, in denen wir allenthalben Begrenztheiten spüren, grundunzufrieden, zugleich aber auch eigentümlich veränderungsresistent sind, in Situationen, denen so an sich wahrlich erst einmal nichts Gutes abzugewinnen ist, will Gott sich als gegenwärtig erweisen; gerade  das klingt hier an. Begrenztheiten verschwinden damit nicht einfach, aber Gott kann sie verwandeln, immer noch, aus Ihnen noch etwas Neues, Gutes formen. So wie das Reich Gottes nicht eine jenseitige Größe, auf die hin sich nach Belieben billig vertrösten ließe, ist, sondern, wie Jesus immer wieder betont, mitten unter uns.

„Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils“ (2. Korinther 6,2). Gott gerade innerhalb nun einmal gesetzter Grenzen als Ermöglicher, und damit auch gleich schon wieder über sie hinaus helfend; oder anders gesagt mit einem schönen biblischen Bild: im Vertrauen auf ihn lässt sich wahrlich über Mauern springen!

Hiobs sieht bloß auf seine Begrenztheiten, er sitzt darin fest sozusagen; und vielleicht ist dies das größte Problem, dass er sich, gerade indem er fortan in Ruhe gelassen werden will, sich in eben diesen Begrenztheiten einzurichten gedenkt. Oder, wie Dorothee Sölle einmal gesagt hat: das eigentliche Exil ist, sich im Exil einzurichten.

Doch wir haben einen Befreier-Gott, einen der uns gerade nicht in Ruhe lässt in den mancherlei Begrenztheiten, die es gibt; und der uns zumal mitten immer wieder neu mit seiner Gegenwart zu überraschen vermag; der nicht uns selbst überlässt, sondern sich mit seinem guten Willen durchsetzt; neue Wege zeigt und bahnt, seinen guten Geist nach wie vor ausgießt. Auf ihn gilt es zu vertrauen. Angesichts allen Nachtretens, das Donald Trump jetzt erfährt, sollte, etwas provokativ gefragt, in dieser Richtung nicht doch auch unsere Hoffnung für ihn liegen?!

„Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils“ (2. Korinther 6,2). Im Licht dieser Zusage lässt sich so manches auch noch einmal aus der Nachrichtenlage der vergangenen Woche vielleicht etwas anders sehen; in aller Sorge, aller Angst, auch bei allem, was uns in bestimmten Momenten zu überfordern scheint, auch bei aller urmenschlichen Borniertheit, bei allem nach wie vor Bedrängenden, bei allem so leicht resignativ oder gar depressiv stimmenden – wie heißt es im Wahlspruch der Vereinigten Staaten seit alters her?! „In God we trust.“ Das Beste ist, dass Gott uns eben nicht allein lässt, gerade nicht in Ruhe lässt, uns mit seiner gnädigen und heilsamen Gegenwart immer wieder neu überrascht. „In God wie trust.“

Eine gute Woche wünscht Ihnen Ihr Pfarrer Matthias Bertenrath

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