Evangelische Kirchengemeinde Bedburg-Niederaussem-Glessen
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Angedacht zum Palmsonntag, 10.04.2022

Angedacht zum Palmsonntag, 10.04.2022

Liebe Gemeinde,
nichts ist so entwürdigend wie ein Schlag ins Gesicht. Ein Schlag ins Gesicht trifft zutiefst. Das Gesicht steht für die Persönlichkeit eines Menschen.  Wer einem anderen Menschen ins Gesicht schlägt, zeigt seine tiefe Verachtung und seinen Willen, dessen Persönlichkeit zu treffen – wenn nicht gar zu zerstören. Säureanschläge – wie vor vier Jahren gegen den damaligen innogy-Finanzvorstand Bernhard Günther in Haan ein unermesslich perfides Verbrechen. Und Despoten lassen nicht zufällig gezielt die Bilder ihrer Gegner verschwinden, um sie, so dem Vergessen anheimzugeben; und nicht zuletzt denke ich in diesem Zusammenhang auch daran, dass dieser Tage Fotos auftauchen, auf denen im Vergleich zu sehen ist, wie erschreckend gezeichnet etwa Wolodymyr Selenskyj ist von den Ereignissen der letzten Wochen… Und Selenskyj insbesondere habe ich auch vor Augen, wenn ich den für den heutigen Palmsonntag vorgeschlagenen alttestamentlichen Predigttext lese; vielleicht geht es Ihnen ähnlich… dabei ist für mich gar nicht der Punkt, ihn irgendwie zum Helden zu stilisieren, … aber was, denke ich auf jeden Fall spürbar ist, das ist doch auf jeden Fall, wie er da kämpft für sein Land, und wieviel ihn das kostet, und das alles ja mit höchst ungewissem Ausgang; auch weiß ich viel zu wenig über das, was genau ihn antreibt, aber dass und wie er sich da in höchsten Maße engagiert, aufreibt, und wie groß die Bedrohung auch für ihn ganz persönlich… das ist doch ja alles unübersehbar…

Im heutigen Predigttext spricht der der sogenannte „Gottesknecht“ aus dem Buch Jesaja. Eine Gestalt, in der der Prophet möglicherweisese sein eigenes Schicksal beschreibt oder auch das eines anderen Menschen, welcher sich öffentlich auf Gott einlässt und dabei etwas wagt, was bei seinen Gegnern auf Ablehnung stoßen muss: nämlich mit kritischen Worten denjenigen zu widersprechen, welche das Volk Gottes mutlos machen, irreleiten, missbrauchen. bzw. diejenigen zu ermutigen, die bereits nahezu jede Hoffnung auf Veränderung der Verhältnisse verloren haben, und sich doch nicht mundtot machen lassen will, sich nicht seiner Würde berauben, alle Demütigung aus-halten will – mit Gottes Hilfe. So heißt es bei Jesaja im 50. Kapitel:

Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Alle Morgen weckt er mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören. Gott der HERR hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück. Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel. Aber Gott der HERR hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. Darum hab ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein; denn ich weiß, dass ich nicht zuschanden werde. Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir! Siehe, Gott der HERR hilft mir; wer will mich verdammen? Siehe, sie alle werden wie Kleider zerfallen, die die Motten fressen. (Jesaja 50,4-9)

Hier spricht ein Mensch, der von allen Seiten bedrängt wird. Man lauert ihm auf hinter seinem Rücken, stößt ihn von der Seite, spuckt ihm ins Gesicht. Aber er beschließt, sich davon nicht im Kern treffen zu lassen. Und tut das, was in solcher Situationen wohl zunächst die einzige Möglichkeit ist. Er macht sein Gesicht hart wie einen Kiesel-stein. Alle Beleidigungen und Schmähungen lässt er an sich abprallen.

Gut, wer das kann. Oder anders formuliert: Gut, wer entsprechendes Rückgrat besitzt. So ist es der Rücken, der hier den Feinden hingehalten wird  zum Zeichen: Äußerlich könnt ihr mich wohl brechen, aber innerlich nicht, so will er wohl sagen. So haben sich schon manche geschützt: Wir wissen allenthalben von Menschen, welche in den Kerkern von Diktatoren, abgeschnitten von der Welt, damit begonnen haben, sich selbst nicht zufällig Psalmen aufzusagen. Oder Bibelworte oder Liedtexte. Oder die sich da, etwa an Mitgefangenen eine Aufgabe gesucht haben, bei der sie gerade das wahren konnten, was man ihnen nehmen wollte: Ihr Gesicht, ihre Menschlichkeit, ihre Persönlichkeit. Die sich ihr Rückgrat so gerade nicht haben brechen lassen, nicht brechen lassen, wie so viele etwa in der Türkei, in Russland, in China, wo auch immer auf der Welt zu Unrecht Inhaftierte, z.B. Journalisten, Bürger- Menschenrechtler zeigen… Immer wieder geht der Blick darauf, wie das überhaupt jemand aushalten kann, wie ein Mensch, wie Nawalny etwa da überhaupt sich im Rahmen des Möglichen organisiert… Das zunächst Erstaunliche, ja geradezu Paradoxe kann doch sein: Es ist möglich, sich selbst im Leid noch festigen zu können, und dass aus dem an sich Sinnlosen eine Aufgabe wird. Niemandem ist zu wünschen, in solche Situation zu kommen. Aber jeder soll wissen: Es ist möglich, dass sich sogar dort auch neue Perspektiven abzeichnen können. Dass da jemand in einem bestimmten Sinne noch einmal neu ins Leben gerufen wird, auch Leid Sinn bekommen kann. Es war nicht zuletzt dieser Gedanke, warum die frühe Christenheit die Gestalt des leidenden Gottesknechtes auf Jesus bezogen hat.

So finden sich in den Passionsberichten der Evangelien viele Details aus diesem Text hier wieder. Wie der Gottesknecht wird auch Jesus für das, was er tut, bespuckt, geschlagen verhöhnt und auch er macht sein Gesicht hart wie einen Kieselstein, in dem er auf die gegen ihn erhobenen Beschuldigungen entweder nicht antwortet, oder aber sie entlarvt in ihrem im Grunde feigen Verhalten, wie sie ihn da nicht in aller Öffentlichkeit verhaften, sondern im Dunkel eines abgelegenen Olivengartens, nicht nach guter pharisäischer Tradition öffentlich in einem regulierten Lehrgespräch konfrontieren mit seinen Anliegen – nein, ihnen bleibt nur die Sprache der Fäuste, wohl weil sie genau spüren, anders kommen sie ihm nicht bei. Die zwischen Anerkennung und Resignation changierende Bemerkung der Pharisäer angesichts der Menschenmenge beim Einzug Jesu in Jerusalem  „Alle Welt läuft ihm nach“ – markiert den Hintergrund.

Nun, durch alles hindurch – irgendwann wird allen Beteiligten, Anhängern wie  Gegnern Jesu, klar: Hier spricht jemand in wahrlich nie gekannter Vollmacht. Einer, dessen Widerstand ganz und gar, hundertprozentig von der Überzeugung lebt: Gott, der Herr hilft mir. Auf die Formel „Ich und der Vater sind eins“ hat der Evangelist Johannes es gebracht. Es ist just dies, was es ihm erlaubt, Gesicht zu zeigen, zur rechten Zeit und am rechten Ort; und das dann so mitzuerleben: Wie da einer ganz eins mit dem Vater, gerade das ist es, was dann auch seither Menschen aufgerichtet hat zum Leben, gegen all das, was so unendlich müde machen kann – ja, so tod- und lebensmüde, dass Menschen sich mitten im Leben bereits vorkommen können, als wären sie schon in einem Grab: gegen alle Todesmächte eben.

Aus einer solchen Situation hatte Jesus nun gerade noch vor seinem Einzug in Jerusalem seinen Freund Lazarus herausgerufen. Diesem Toten, diesem Todmüden hatte er zur rechten Zeit noch das Rechte sagen können, da alle anderen bereits dachten: Es ist zu spät, er ist schon etliche Tage im Grab, aus und vorbei. Doch es hatte sich gezeigt, was geht, was möglich ist, wenn man die Gegenwart Gottes ernster nimmt als allen Augenschein und tiefer sieht als bis zu dem, das, was Lazarus Angehörige in ihrem von Traurigkeit verschleierten Blick für möglich gehalten haben. Da die Menschen davon gehört hatten, hat sie das nach dem Evangelisten Johannes, bei Jesu Einzug in Jerusalem rufen lassen: „Hosianna“, was so viel heißt wie: „Hilf doch.“ Hilf auch uns, hilf auch mir. Denn sie haben zumindest geahnt: Hier, in diesem Jesus von Nazareth, ist wahres Leben zu empfangen.

Für diese Perspektive – eines Lebens ganz aus der Nähe Gottes, ganz im Hören auf Gottes Wort – ist Jesus dann in Jerusalem an den letzten Tagen seines Lebens weiterhin eingestanden. Hat dafür seinen Rücken und seine Wangen denen dargeboten, die – am Ende ohne Erfolg – versuchten, ihn lächerlich zu machen, ihn zu vernichten. Was diese aber eben nicht wussten: ein Leben ganz aus Gottes Nähe, ganz im Hören auf sein Wort – lässt sich nicht vernichten, nicht kaputtkriegen – es strahlt unweigerlich aus, gerade auch durch alles Leid hindurch, es geht weiter, von einem zum anderen, inspiriert, zieht Kreise. All denen zum Trotz, die keine anderen Mittel zur Verfügung haben als rohe Gewalt. Und ausgerechnet einem von  denen, die sich solcher rohen Gewalt bedient hatten, einem römischen Hauptmann wird unter dem Kreuz klar: „Dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen“.

In diesem grausamen Tod war so ganz am Ende gerade nicht Scheitern. Sondern dass Jesus seinen Weg zielstrebig gegangen ist und Schmach, Gewalt, Leid und Einsamkeit bis zur letzten Konsequenz seines Sterbens die Stirn geboten hat, gerade dies eröffnet dieser Welt, aller Welt, hier wahres Leben. Denn nur so kann sie ja leben: indem sie – nicht in einem simplen, landläufigen Sinne heldenhaft, d.h. aus eigener Kraft, sondern lebend ganz aus der Nähe zu Gott, ganz im Hören auf sein Wort, danach trachtet, das Böse, in welcher Gestalt auch immer, zu überwinden.

Um diese Klarheit und Festigkeit musste aber auch schon Jesus ringen, zumal durch das Gebet. Immer wieder erzählen die Evangelien, wie Jesus sich zurückgezogen hat, um so Kraft zu schöpfen, und so eben auch bei seinem letzten Gebet im Garten Gethsemane. Sich das Ohr öffnen zu lassen und zu hören ist die Bedingung nicht zuletzt für eigenes kraftvolles Reden und Tun. Man muss im wahrsten Sinne  des Wortes aufhören, aufhören  mit wildem Aktionismus, mit bloßer Hektik, … Kein Wunder, dass umgekehrt die gerne so hektisch-aktiven, ehrgeizigen Jünger im Garten Gethsemane dann schließlich einschlafen und im entscheidenden Moment, als es darauf ankommt, gerade nicht wach, nicht online sind. Sie, welche Jesus beim Abendmahl alle noch die Treue geschworen und die Möglichkeit eines Verrats in ihren Reihen hektisch abgestritten haben statt schon da wirklich hinzuhören, worauf Jesus sie hinweist: auf die Notwendigkeit des Auf-Hörens. So wie bis hinein in unseren Alltag das Hören auf das, was Gott uns zu sagen hat, auch immer allem Tun vorausgehen sollte.

„Alle Morgen weckt er mir das Ohr“ – das wird vom Gottesknecht bei Jesaja als Voraussetzung genannt, sich seiner Sache mit Gott gewiss sein zu können, um dann am Ende auch zu begreifen: Gott hat mir eine Zunge gegeben, dass ich wisse mit den Müden zur rechten Zeit zu reden, gerade durch das sprechende eigene Schicksal, und zum Auf-bruch aus der Erstarrung ihres Lebens zu verhelfen. Das zum Leben helfende Wort, wie auch immer, ja, es will seinen Weg fortsetzen.

Es ist eine Aufgabe für uns alle. Dass wir einander ermutigen. Betont selbst ermutigt, das entscheidende Wort im Ohr, es dann selbst in den Mund nehmen, andere es hören lassen, andere ermutigen. Aufgeweckt von einem anderen, dann auch in anderen Müden die Erinnerung an das nicht untergehen zu lassen, was möglich ist. Die am besten tägliche, allmorgendlichen Erinnerung an Gottes „Ja“, das uns gilt, was auch kommen mag, sie ist es, die am Anfang stehen soll, ein „Ja“, welches uns gerade vom Kreuz, dem am Ende überwundenen her erreicht.

Zugegeben: Es ist eine leise Stimme, die uns da so erreicht. Und doch. Da ist sie, diese Botschaft, dass Gott die Seinen nicht zuschanden werden lässt. Sondern dass das Leben siegt – mitten im Tod – diese Stimme, irgendwie, im weitesten Sinne vielleicht, muss sie es sein, welche auch Woldymyr Senlenskyj seinen Kampf kämpfen, und immer wieder seine so beeindruckenden Worte finden lässt.

Keiner weiß, wie mit Abstand der historische Blick auf Wolodymyr Selenskyj ausfallen wird – vor wenigen Tagen, am vergangenen Montag jedenfalls jährte sich das Attentat 1968 auf den schwarzen Bürgerrechtler, Pfarrer und Friedensnobelpreisträger Martin Luther King – u. Sein großer Traum – dass eines Tages die Söhne von früheren Sklaven und die Söhne von früheren Sklavenbesitzern sich am Tisch der Brüderlichkeit gemeinsam niedersetzen können und dass seine Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der sie nicht wegen der Farbe ihrer Haut, sondern nach dem Wesen ihres Charakters beurteilt werden – viel von diesem Traum ist wahr geworden. Aber ihn selbst hat dieser Traum das Leben gekostet.

In einer Rede in Memphis am Tag vor seinem gewaltsamen Tod hat er gesagt: Ich möchte nur Gottes Willen tun. Er hat mir erlaubt, auf den Berg zu steigen. Und ich habe hinübergesehen. Ich habe das Gelobte Land gesehen. Vielleicht gelange ich nicht dorthin mit euch. Aber ihr sollt heute Abend wissen, dass wir, als ein Volk, in das Gelobte Land gelangen werden. Und deshalb bin ich glücklich heute Abend. Ich mache mir keine Sorgen wegen irgendetwas. Ich fürchte niemanden. Meine Augen haben die Herrlichkeit des kommenden Herrn gesehen.

Gibt es etwas Tröstlicheres als zu hören, dass nicht die Sorgen und die Ängste das erste Wort haben – und mögen sie noch so früh auf-stehen – sondern dass Gott früher dran ist und zu uns spricht? Sein unverbrüchliches, in Kreuz und Auferstehung bewahrheitetes „Ja!“ Davon, dass das Leben siegt – mitten im Tod?!

Einen guten Sonntag und eine gesegnete Woche im Zugehen auf Ostern wünscht Ihnen Ihr Pfarrer Matthias Bertenrath