Angedacht zum Pfingstsonntag – 23.05.2021

Liebe Gemeinde,

Heute ist Pfingsten und wenn es so etwas wie einen benennbaren Geburtstag der Kirche gibt, dann heute. Denn an Pfingsten feiern wir, dass Gott seinen Geist schenkt, wie damals so auch heute, dass Gottes Kraft wirksam ist, nicht zuletzt unter uns, … in diesem Sinne also: Herzlichen Glückwunsch!

Nun, Geburtstage habe es freilich – ähnlich wie andere Feste – freilich in sich. Rückblick gehört dazu, Vorausblick, Besinnung, Dank, auch Hoffnungen, dass es gut weitergehen möge. Gelungene Geburtstage können einen in Erinnerungen noch Jahrzehnte begleiten, und im täglichen Auf und Ab sind Geburtstage oftmals Markierungspunkte, mehr noch: Höhepunkte. Und das alles ist wohl vor allem deshalb so, weil der Alltag ja so anders aussehen kann. Da ist nicht immer alles eitel Sonnenschein, da gehen die Dinge einem nicht leicht von der Hand, da werden einem die Dinge schwer, zu schwer. Da gibt es Selbstzweifel, da ist einem zuweilen zu so manchem, nur eben nicht zum Feiern zumute.

Es scheint diese zwei Seiten des Lebens zu geben: Den schwungvollen lebensfrohen und feierlichen Moment, verbunden etwa mit positiven Aufbruchsgefühlen  – und das andere, was sich morgen oder aber irgendwie dann doch spätestens übermorgen einstellt. Es gibt beides: Die Vorfreude auf das, was kommen soll, Träume, Phantasien, sehnliches Wünschen  –  aber eben auch Ernüchterung, Belastendes, Fragen.  Ja, gerade die Ernüchterung scheint irgendwie zu uns zu gehören wie eine zweite Haut. Das ist manchmal gerade auch bei Geburtstagsfeiern selbst, als erfahrungsgesättigte Ahnung vielleicht, irgendwie bereits spürbar, – und wie sollte es beim Geburtstag der Kirche anders sein.

Wie oft wird offen oder hinter vorgehaltener Hand da nicht gefragt, wo denn die Begeisterung der ersten Christen geblieben sei, ob sich denn die überschwängliche Hoffnung und der Berge versetzende Glaube gänzlich im normalen Gemeindealltag verloren haben. In der Tat: Statt ansteckende Begeisterung auszustrahlen, gar nicht anders zu können als immer wieder die angeblich doch beste aller Botschaften weiter zu geben, starren wir auf immer weniger werdende Einnahmen, schütteln verzweifelt die Köpfe über das, was nicht mehr so ist, wie es mal war, schmerzt der Abschied von Liebgewonnenem, weil es nicht mehr finanzierbar ist. Statt uns immer wieder neu gemeinsam von der Liebe Gottes zu wirklich Innovativem anstecken und begeistern zu lassen, beharren wir lieber auf Eingespieltem, nehmen Anstoß am Fremden, an Lebensweisen, die nicht ins Konzept zu passen scheinen, behaupten wir nur noch mühsam Plätze, die wir uns in langer Kleinarbeit erobert haben. Oder wir suchen – am anderen Ende – vielleicht in aller Verzweiflung nun nach so einer Art Zauberwort, Zauberformel, womit dann – aber bitte gleich morgen – doch noch einmal alles ganz anders wird und wir uneingeschränkt endlich an die Fröhlichkeit der ersten Tage der Kirche anknüpfen können, und meinen:  Am besten gleich alles hergebrachte über Bord werfen und ganz neu anfangen.

Was wir auch tun, in welchen Zusammenhängen wir uns immer bewegen, es scheint eine große Herausforderung unseres Lebens zu sein, wie wir mit Ernüchterungen umgehen. Zu merken: alles nicht so einfach, wie gedacht, da gibt es Widerstände, und Immer wieder wird man hart an Grenzen geführt.

Pfingsten scheint da, im Blick auf die Kirche, erst einmal gerade recht zu kommen, … vielleicht so ganz im Sinne des zu Beginn des Gottesdienstes in Erinnerung gerufenen Luther-Zitats: „Der Heilige Geist macht den Menschen keck, fröhlich, mutig, ja beflügelt ihn zu einer heiteren Dreistigkeit, nahezu im Schwung des Übermutes das Leben anzupacken und zu gewinnen.“ …bis, ja bis uns der Alltag mit seinen Ernüchterungen wieder eingeholt hat? Und dann kann das Spiel wieder von vorn anfangen? Oder wie?

Da wird uns die Bibel an diesem Tag an einer Stelle aufgeschlagen wird, die wir vielleicht so, heute zumindest, an diesem Tag, erst einmal nicht erwartet hätten.

Ich lese aus Numeri, dem 4.Buch Mose, aus dem 11. Kapitel von Vers 11 an:

11 Mose sagte zum HERRN: »Warum tust du mir, deinem Diener, dies alles an? Womit habe ich es verdient, dass du mir eine so undankbare Aufgabe übertragen hast? Dieses Volk liegt auf mir wie eine drückende Last.

12 Schließlich bin ich doch nicht seine Mutter, die es geboren hat! Wie kannst du von mir verlangen, dass ich es auf den Schoß nehme wie die Amme den Säugling und es auf meinen Armen in das Land trage, das du ihren Vätern zugesagt hast?

14 Ich allein kann dieses ganze Volk nicht tragen, die Last ist mir zu schwer.

15 Wenn du sie mir nicht erleichtern willst, dann hab wenigstens Erbarmen mit mir und töte mich, damit ich nicht länger diese Qual ausstehen muss.«

16 Der HERR antwortete Mose: »Versammle siebzig angesehene Männer aus dem Kreis der Ältesten Israels, die sich bewährt haben, und hole sie zum Heiligen Zelt. Dort sollen sie sich neben dir aufstellen. 17 Ich werde herabkommen und mit dir sprechen, und dann werde ich von dem Geist, den ich dir gegeben habe, einen Teil nehmen und ihnen geben. Dann können sie die Verantwortung für das Volk mit dir teilen, und du brauchst die Last nicht allein zu tragen.

24 Mose ging hinaus und teilte dem Volk mit, was der HERR gesagt hatte. Er versammelte siebzig Männer aus dem Kreis der Ältesten Israels und stellte sie rings um das Heilige Zelt auf. 25 Da kam der HERR in der Wolke herab und redete mit Mose. Er nahm einen Teil des Geistes, den er Mose gegeben hatte, und gab ihn den siebzig Ältesten. Als der Geist Gottes über sie kam, gerieten sie vorübergehend in ekstatische Begeisterung wie Propheten.

Da hat einen wahrlich die Ernüchterung gepackt: Warum tust du mir, deinem Diener, dies alles an? – Mose scheint am Ende, total am Ende zu sein. Und dass mitten auf dem Weg in die Freiheit.

Die Sklaverei in Ägypten war schließlich Vergangenheit, singend, tanzend, feiernd hatten sich die Isareliten aufgemacht. Den Kopf voller Träume, voller Wünsche, voller Bilder. Auf dem Weg in ein Land, in dem Milch und Honig fließen, so als könne man es schon bisher riechen wie den Duft von frischem Brot, frischem Gemüse und Obst. Das Grün nicht enden wollender Wiesen und Weiden, fette und zufriedene Herden – ein Paradies zum Greifen nah.

Doch von Milch und Honig träumen und dann schließlich erst einmal nur Manna, nur und immer nur Manna bekommen, das konnte nicht gutgehen. Tag für Tag. Was vorerst eine Freude war, mitten in der Wüste Essbares zu finden, jeden Morgen neu, irgendwann war sie da, die Ernüchterung: Manna, immer wieder Manna, Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnertag und auch sonst, von morgens bis abends immer nur Manna. Der erträumte Duft von Feigen, Brot, Gegrilltem – alles längst verflogen. Ernüchterung auf breiter Front. Und so fingen die Isareliten an, entsprechend ungehalten zu werden, und ihrem Anführer Mose Vorwürfe zu machen. Doch was soll der tun?

Warum tust du mir, deinem Diener, dies alles an?

Eine Frage, die auch uns immer wieder so kommen mag. Ja, hier ist einer gründlich mit seinem Latein am Ende. Der Schwung des Anfangs, die Begeisterung ist verflogen, hat sich verflüchtigt, ist fader Alltäglichkeit gewichen, in der selbst in den Träumen die Farben blasser werden und die Zunge längst am Gaumen klebt, statt genüsslich die Lippen zu befeuchten.

Da, wie auch sonst immer wieder spricht Mose in beeindruckender Offenheit mit seinem Gott… Alles hänge an ihm, während er sich von Gott hängen gelassen fühle.

12 Schließlich bin ich doch nicht des Volkes Mutter, die es geboren hat! Wie kannst du von mir verlangen, dass ich es auf den Schoß nehme wie die Amme den Säugling und es auf meinen Armen in das Land trage, das du ihren Vätern zugesagt hast? 14 Ich allein kann dieses ganze Volk nicht tragen, die Last ist mir zu schwer.

Gott, jetzt bist du dran. – Auch wenn wir auf den ersten Blick vielleicht irritiert sind und uns fragen, wie einer denn so mit Gott sprechen kann, auf den zweiten Blick mögen wir uns bereits fragen, ob es nicht auch in unserem Leben solche Tage und Momente gibt, wo wir gar nicht so viel anders dastehen wie Mose, der in aller Enttäuschung und Ernüchterung,  angesichts zerplatzter Träume, jetzt hier dies: „Mir reicht’s!“ entgegenschleudert.

Und als hätte es so kommen müssen, reagiert Gott. Immer wieder erzählt die Bibel, dass Gott das Elend seiner Menschen angesehen hat – und reagiert.

Weil ihm da etwas so zu Herzen geht, dass er die Dinge nicht einfach so lassen kann…

Genau wie es später bei Jesus war. Wie da Jesus anderen begegnet und sich ihre Situation, ihr Leben und Leiden zu Herzen gehen lässt. Da heißt es etwa in großer Menschlichkeit, dass ihn, das Elend jammert, d.h. ihm auf den Magen schlägt; wie er dann Auswege schafft und schenkt. Ganz ähnlich wie in unserer nur auf den ersten Blick wohl so ungewöhnlichen Pfingstgeschichte.

Ich denke: Der Schlüssel lautet: Offenheit und Ehrlichkeit. Vor Gott ausbreiten, was einem zuweilen die Farben aus den Träumen vertreibt, wo einem Ernüchterung den Schwung und Elan des Lebens nimmt, wo schal gewordene Hoffnung lähmt, statt dass Begeisterung einen in Bewegung bringt. Denn die Verheißung ist: All das bleibt nicht ungehört, Gott lässt es sich zu Herzen gehen.

Und dann? Von einem welterschütternden Wunder, das alles auf den Kopf stellt, erzählt unsere Geschichte freilich nicht, ebenso wenig übrigens wie so viele Begegnungen mit Jesus. Da ist kein spektakuläres Wunder, bei dem auf Knopfdruck sozusagen alles anders, alles neu wird.

Aber zweierlei lässt sich hier beobachten, und das ist nicht minder entscheidend: 1. Gott hilft, da er nicht überfordern will, und 2. er bezieht den Menschen, hin und her, ein, lässt ihn mitwirken, ent-

lässt ihn nicht einfach aus der Verantwortung.

Mose bleibt nicht in auswegloser Lage stecken, aber es wird auch nicht einfach mit den Fingern geschnippt und mit einem Mal ist alles anders. Es geht ganz praktisch zu: die Last wird jetzt auf mehrere Schultern verteilt, auf siebzig weitere, um genau zu sein. Aber diese siebzig Menschen fallen nicht einfach vom Himmel wie siebzig Supermänner, die es kaum erwarten können, diese Welt zu retten. Nein, Mose soll sie aussuchen, er soll in aller Verantwortung entscheiden, wem er die Last mit auf die Schultern legen kann, damit sie für alle – im wahrsten Sinne des Wortes – erträglich wird. Und als Mose das getan hat, befähigt Gott erkennbar auch diese siebzig, schenkt ihnen den Geist, die Kraft Gottes, die Aufgabe zu schultern.

Gott lässt uns in allem nicht allein. Auch wenn wir unsere Verantwor-tung (im Übrigen Schwerpunktthema unseres in diesen Tagen erscheinenden neuen Gemeindebriefes) nicht einfach loswerden können, er gibt doch Hinweise, wie es gehen kann, schenkt immer wieder seine Kraft, befähigt auch andere um uns herum, die vielleicht plötzlich mittragen können… befähigt wohl immer gemeinsam

Der Schlüssel lautet, wie gesagt, wohl die Ehrlichkeit und Offenheit, sich einzugestehen, auf Hilfe angewiesen zu sein; andere müssen hören von dem, was nottut – nur wer redet, dem kann geholfen werden, sagt man…

Ja, wir müssen Hilfe wollen, um sie dann auch zu erfahren. Und in diesem Sinne kann der Glaube, der ja nichts anderes ist als das Vertrauen, dass Hilfe möglich ist, wahrlich Berge versetzen kann, und er soll es auch…

Nicht zufällig verteilen auch wir in unseren Gemeinden immer wieder Verantwortung auf verschiedene Schultern. Ob im Presbyterium oder in den verschiedenen Ausschüssen, Kreisen und Gruppen, die eine Gemeinde mitgestalten. Es geht nur gemeinsam, nicht nur ganz praktisch, sondern vor allem auch aus theologischen Gründen: weil wir doch glauben, dass Gott seinen Geist längst ausgegossen hat über viele, und in vielerlei Gestalt. Damit, was zu tragen ist, gemeinsam getragen wer-den kann, aber auch soll.

Auf dass das, was wir – sicher auch immer wieder – als Ernüchterung erleben, auch in der Kirche, nie das letzte sei. Sondern es sie immer wieder gebe, die Aufbrüche nach vorne, darin zugleich aber eben auch immer wieder ganz angewiesen sich sehend auf Gott, sein wunderbares Wirken an uns, seine Kraft, die in uns mächtig sein muss, und ohne die nicht getan werden kann.

Die Offenheit und Ehrlichkeit, die Mose Gott gegenüber gezeigt hat, sie steht, denke ich, auch uns gut zu Gesicht. Ehrlichkeit und Offen-heit, die ja auch erst Raum schafft am Ende für Erfüllung, vielleicht anders aussehend als erwartet, aber egal, Hauptsache frohmachend.

So werden wir uns auch gleich zum Abendmahl uns versammeln: Alle gemeinsam, und jede und jeder mit den persönlichen Hoffnungen und den persönlichen Fragen, ehrlich und offen vor Gott, als Gäste unseres Gottes, der uns doch gewiss stärken, ja, immer wieder neu begeistern möchte – gerade auch in und zu allem echten MIteinan-der.

Frohe Pfingsten wünscht Ihnen Ihr Pfr. Matthias Bertenrath

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