Evangelische Kirchengemeinde Bedburg-Niederaussem-Glessen
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Angedacht zum Sonntag Rogate, 22.05.2022

Angedacht zum Sonntag Rogate, 22.05.2022

Wenn et Bedde sich lohne däät, wat meinste wohl, wat ich dann bedde däät… So, eher skeptisch, die Gruppe BAP in einem ihrer Lieder. Ob es sich also lohnt, das Beten?! Oder doch nicht?!

Dass es sich lohnen soll, ist die Antwort, welche uns durch ein Beispiel gegeben wird, das Jesus erzählt; zu finden im Lukas-Evangelium im Kapitel 11.

Nun, Sie meinen, eine andere Antwort könne man wohl auch nicht erwarten in der Kirche?! Nun ja?! Doch hören wir zunächst hinein in unseren Text:

5Und er sprach zu ihnen: Wer unter euch hat einen Freund und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Lieber Freund, leih mir drei Brote; 6denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann, 7und der drinnen würde antworten und sprechen: Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben. 8Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, so wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, so viel er bedarf. 9Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. 10Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan. 11Wo bittet unter euch ein Sohn den Vater um einen Fisch, und der gibt ihm statt des Fisches eine Schlange? 12Oder gibt ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion? 13Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!

Worauf Jesus hinaus will, mit seinem Beispiel, mit dem Vergleich, ist die große Zuversicht, welche dem Beten im letzten innewohnt, und die auf vielleicht nicht vorhersehbare Weise, gleichwohl im Kern bestimmt ins Recht gesetzt werden soll…

Auffallend ist ja auch, dass es hier ganz am Ende nun gerade der Heilige Geist ist, welcher denen gegeben sein wird, die Gott – worum auch immer, explizit vielleicht gar nicht einmal um eben diesen Heiligen Geist, bitten…

So glaube ich auch nicht, dass Gott ein Wunscherfüllungsautomat ist, und doch, viel entscheidender, er hört ja gewiss, worum wir ihn bitten, nimmt das sehr lohnen, das Beten…

Weil es unter anderem ein Weg ist, wie ich überhaupt jetzt und hier hineinfinden kann in Gottes Willen…, seinen guten Willen für mich, und für die Welt um mich herum… Weil ich mich damit ausstrecke, um zu empfangen, was recht ist für mich und die Welt um mich herum. Weil ich gerade so mich einübe ins Vertrauen zu Gott und mich öffne für das, was er mit mir vorhat.

Sicher, oft genug kann man den Eindruck haben, dass es sich nicht lohne, das Beten. Schon mitten im Alten Testament wird dieser Schluss gezogen etwa von Hiobs Ehefrau. Die, als sie erleben muss, dass Gott, auf den sie und ihr Mann jahrzehntelang vertraut haben, die Familie vor Armut, Leid und Krankheit nicht bewahrt hat, zu Hiob spricht: Hältst du noch fest an deiner Frömmigkeit? Sage Gott ab und stirb! (Hiob 2,19)

Ja, manchmal erleben Menschen bitterste Enttäuschung, und dann auch noch rund um das Beten. Wenn Gott so unergründlich bleibt, so stumm, so vermeintlich tatenlos, rätselhaft, …auch so ungerecht. Immer wieder erleben, erleiden Menschen das so, ähnlich wie einst Hiob…Doch bei aller Anfechtung, bei aller Versuchung, Gott abzusagen – zumindest von dem einen lässt sich Hiob aber wenigstens schon einmal nicht abbringen: nämlich von der Überzeugung, dass das ganze Elend, in dem er da sitzt, doch gerade vor Gott gehöre, und sei, dass es ihm einfach vor die Füße zu werfen, in die Ohren zu schreien sei…Und damit bereits zumindest unter der Hand Gott nicht aufgebend… Und ist es nicht auch bei Jesus, am Ende seines Weges, ähnlich: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?! – so ruft Jesus. Abgründigste Verzweiflung spricht aus seinen Worten… Doch auch hier: genaugenommen überholt sich die Frage, die da gestellt wird, schon wieder selbst…, rechts sozusagen. Enthält die Frage doch zugleich, wie paradox, ein allerletztes sich Bergen bei einem vordergründig noch so rätselhaften Gott…

Und so glaube ich: Beten, zumal im Namen eben dieses Jesus von Nazareth, unter Berufung auf ihn und alles, was wir von ihm wissen, soll sich lohnen… Soll helfen, gerade auch mit mancherlei Angst umzugehen – Angst, wie sie ja im Moment viele erfüllt. Gerade jetzt, wo so manche Gewissheiten wegbrechen, man sich schon fragt, worauf überhaupt noch Verlass ist… und sie ist real, nicht nur die sprichwörtliche „German Angst“. Bei allem gerade auch technischen Fortschritt, mitsamt mancher Erleichterung – zugleich nimmt die Schlagzahl zu, der Druck der Erwartungen, Versagensängste melden sich, bis hin zu Depression und Burnout… Auf der einen Seite eine hochentwickelte Welt, mit komplexen Strukturen gerade auch eines zivilisierten Umgangs, und dann da diese übelste Barbarei, wie sie sich da jetzt im Ukraine-Krieg Bahn bricht, mit auf nicht wenige unter uns lähmender Wirkung… Worauf kann man sich eigentlich noch verlassen, fragen viele… und doch muss das alles nicht unbedingt ins Gebet münden…

In der letzten Woche hat mich die Zukunft unseres Ökumenischen Friedensgebetes, jeden Dienstag um 18 Uhr in St. Johann Baptist beschäftigt… Seit dem 1. März gibt es das jetzt, dieses Angebot; das erste Mal waren es ca. 40, dann 30 Teilnehmende, jetzt sind es so im Schnitt 7, 8 Teilnehmende…. mich beschäftigt das… Was ist jetzt anders als Ende Februar/Anfang März? Wie muss man das verstehen – auch wenn Zahlen natürlich nicht alles sind? Als eine Art Gebetsmüdigkeit?! Als Ausdruck einer Enttäuschung aufgrund vermeintlicher Wirkungslosigkeit des Gebetes? Wenn das so wäre, fände ich das substantiell, würde es in die Mitte treffen, und es würde mich wirklich ratlos machen… Warum wird jetzt zumindest in der Kirche und gemeinsam weniger gebetet für den Frieden?!

Dabei finde ich nach wie vor: Wie gut, dass sich zumal im Namen Jesu beten lässt, im Namen dessen, der diese Welt, in der Menschen allenthalben Angst haben, kannte wie kein Zweiter, und der diese Welt voller Angst überwunden hat… wie, wenn nicht in seinem Namen, soll sich gerade die Angst aussprechen und mit ihm sozusagen über Gethsemane hinausgehen lassen…

Beten soll sich lohnen. Das ist die Botschaft heute, an diesem Sonntag „Rogate“ mit der in seinem Namen bereits steckenden Aufforderung: Betet! – Voller Hoffnung, am Ede das zu bekommen, was recht und genau richtig. Und was man braucht; auch wenn das anders aussehen mag, als man es selbst sich zunächst vielleicht vorgestellt hat… Dass man bekommt, was man braucht, was das Richtige für einen ist…, das ist entscheidend… und wenn es eine noch so radikale Kehrtwende bedeutet zu dem, was einem bislang wichtig und richtig erschien… ja, es ist schon so, wie Dietrich Bonhoeffer einst formuliert hat: Gott erfüllt nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen.  So hart Ersteres oft auch ist, so tröstlich doch genaugenommen Letzteres.

Beten soll sich lohnen… Unser Dank, unsere Sorge, unsere Fragen, unsere Angst, unsere Wünsche, all das gehört hinein ins Gespräch mit Gott, und darunter relativieren sich die Dinge womöglich, wird die Sorge womöglich kleiner und die Dankbarkeit größer, oder es geht mir auf, was jetzt vielleicht doch eher dran, und auch, was man tun kann, und was Gott von mir erwartet, und was eigentlich naheliegt, ich komme auf gute Ideen, sehe die Dinge noch einmal in einem anderen Licht, und im besten Falle wird aus meiner Angst Mut, ganz konkret.

Beten soll sich lohnen… Ich glaube fest: es lässt nichts so, wie es eben noch war. Das Beten, dieses aufbegehrende und hoffende Sprechen mit Gott, das inständige Bitten, welches Gott und Gottes Kraft ungeahnte Veränderungen zutraut, selbst da, wo wir keinen Ausweg mehr sehen. Genauso, wie das dankbare Sprechen, welches Gott und Gottes Möglichkeiten und all das, was doch ganz und gar nicht selbstverständlich, lobt… so oder, das Beten lässt nichts, wie es war – und es soll vor allem, wie es im Text hieß, seinen Zielpunkt in der Gabe des Heiligen Geistes haben, welcher uns unter anderem mit den Worten des Vaterunsers sprechen lässt: Dein Reich komme, dein Wille geschehe… zumal um dieses Hineinfinden in den Willen Gottes geht es, und das hat so gar nichts von passiver Schicksalsergebenheit, sondern versetzt wie auch immer vielmehr in höchste Aktivität, und wie sollte es dazu kommen ohne Gottes guten Geist, lebendig machenden Geist… den wir ja dann heute in zwei Wochen zu Pfingsten in besonderer Weise feiern.

Einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche wünscht Ihnen Ihr Pfarrer Matthias Bertenrath