Kita

Bildung in der Kita       4+1= 5                                  Mathematik im Turnraum

Bildung ist keine Ware, die man jemandem anbieten oder vermitteln kann. Bildung ist ein Prozess, in dem sich der Mensch von Geburt an selbst bildet. Kinder lernen und bilden sich in eigener Initiative und sozialer Interaktion über das, was sie mit ihren eigenen Sinnen wahrnehmen und im sozialen Bezug erfahren. So eignen sich Kinder die Welt in ganz individueller Weise an. Dabei sind alle Sinne beteiligt und nur in ihrem Zusammenspiel können sich die entsprechenden Strukturen im Hirn herausbilden, die es dem Kind ermöglichen, nach und nach die Zusammenhänge der Welt zu begreifen und zu verstehen. In der pädagogischen Arbeit wird zwar von sogenannten Bildungsbereichen gesprochen, diese sind aber nicht isoliert voneinander zu betrachten, sondern es gibt hier zahlreiche Überschneidungen und sich gegenseitig bedingende Wechselwirkungen.

Dazu ein kleines Beispiel aus einer alltäglichen Bewegungsbaustelle im Turnraum der Kita. An einem umgedrehten Leiterbock werden links und rechts zwei Bänke eingehängt, so dass zwei schiefe Ebenen entstehen, dazwischen eine Lücke, ein „Abgrund“ von ca 25 cm Breite und 40 cm Tiefe…

Für die Kinder ist ein herausforderndes Bewegungsangebot entstanden. Ohne dass man sie dazu anleiten müsste, sucht sich jedes von ihnen ganz individuell seine eigene Methode, um von einer Seite auf die andere zu gelangen. Ein 3 1/2jähriges motorisch gewandtes Mädchen läuft sicher in schnellem Tempo auf der einen Bank hoch, überspringt ohne zu zögern die Lücke und rennt auf der anderen Seite hinab, nutzt den Schwung der Abwärtsbewegung noch, um mit lautem „Juchhe“ auf einer 1m entfernt liegenden dicken Matte zu landen. Ein anderes Mädchen, 6 Monate jünger, und vorsichtig unter vollster Konzentration hinauf, steigt unter sichtlicher Anspannung in den „Abgrund“ hinein, um dann die andere Seite zu erklimmen und sich hier auf dem Po sitzend mit beiden Händen vorwärts zu ziehen, bis es unten angekommen ist. Sichtlich erfreut, es geschafft zu haben, steht es auf und läuft an den Ausgangspunkt zurück, um das Ganze noch mal zu machen …und noch mal… und noch mal… Es wird dabei zunehmend sicherer und wagemutiger.

Eine scheinbar simple und wenig spektakuläre Bewegungsübung, die es aber an Bildungsmöglichkeiten in sich hat. Soziales Lernen: warten müssen, bis das andere Kind fertig ist, Rücksicht auf das noch ungeübte Kind. Physik und Mathematik: Schwerkraft und Reibungskräfte werden erfahren, Raum-Lage-Beziehung, räumliches Sehen, Abschätzen von Höhen und Entfernungen. Körpermotorik: der Gleichgewichtssinn wird trainiert, Wahrnehmung des Körpers erfahren, Koordination von Auge, Hand und Fuß geschult. Sprache: Begrifflichkeiten wie rauf, runter, oben, unten, ziehen, rutschen, rückwärts, vorwärts usw. werden durch die Bewegungsabläufe verdeutlicht… Für das Kind steht im Vordergrund die Freude am Tun im Jetzt und Hier – alles Bewegen, Spielen, kreative Gestalten, Konstruieren ist reiner Selbstzweck und dabei bildet sich das Kind selbst. Und die Rolle der Erzieherin ist die der Entwicklungsbegleiterin: nichts vorgeben, sondern beobachten, ermutigen, wertschätzen.

Bildung ohne Beziehung geht nicht.

Frauke Leist

(Beitrag aus dem Gemeindebrief Nr. 54)